Andacht für den 4. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2020 von Wolfgang Czekalla

Römer 12,17-21

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. 
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 
Ist’s möglich, soviel an euch liegt, 
so habt mit allen Menschen Frieden. 
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, 
sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; 
denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): 
«Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.» 
Vielmehr, «wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen;
dürstet ihn, gib ihm zu trinken. 
Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln» (Sprüche 25,21-22). 
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, 
sondern überwinde das Böse mit Gutem.
 
Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.
 

Liebe Gemeinde,
Es ist nicht immer einfach, als Christ zu leben. Wenn im Predigtwort von Hass und Frieden die Rede ist, dann sind das Dinge, mit denen wir uns tagtäglich herumschlagen. Aber wie verhalten wir uns in solchen Situationen?

Wenn möglich, sollte mit allen Menschen in Frieden gelebt werden.

Paulus weiß wie schwer es ihm und uns Menschen fällt auf Böses nicht mit Bösem antworten. 
Aber was tun, wenn uns ein Mensch ganz bewusst und gezielt etwas angetan hat? Da schwillt uns doch der Kamm. Da kommt Wut in uns auf und nimmt uns in Beschlag.

Wir wehren uns nach dem Motto: „Wie du mir, so ich dir“. Schließlich können wir uns nicht alles gefallen lassen! Wenn sich die Gelegenheit bietet, wird „zurückgeschlagen“. Wir teilen selbst aus und setzen verärgert unser Recht „mit allen Mitteln“ durch. Und schon haben wir dem Bösen Raum gegeben.
Wie können wir das, was Paulus hier fordert: Böses nicht mit Bösem vergelten? Aus uns heraus können wir es nicht.    Böses mit Gutem zu überwinden, das ist nicht nur eine Sache von Vernunft und Klugheit. Für Paulus spielt das Gottvertrauen eine große Rolle. Es gibt Situationen im Leben mit denen wir nicht zurechtkommen. Was über unsere Kräfte geht, dürfen wir getrost Gott übergeben.

Was wir können ist, aufgrund unseres Vertrauensvorschusses von Gottes Gnade, es zu versuchen: “ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“.

Im Wissen dass Gott uns und unsere Mitmenschen (auch unsere Feinde) liebt, trotz unserer Fehler und Schwächen, sollten wir es wenigstens versuchen einfach mit Liebe zu den Menschen zu gehen. Nicht immer berechnend auf unseren Vorteil, auf unser Ansehen bedacht sein sollen. Wenn in mir Ärger aufsteigt, dann nicht gleich mit gleicher Münze heimzahlen.  Jesus Christus hat es uns vorgemacht und vorgelebt. Gegen den Hass fand er Worte der Liebe, gegen Spott und Verachtung Worte der Vergebung. Wo die Liebe wohnt, da lässt sich nach der ersten Aufregung auch der Zorn steuern. Wer von der Liebe Gottes weiß, der kann seine Sorgen und Nöte auch der Güte Gottes anvertrauen. Wer darauf vertraut, dass einem die eigenen Fehler vergeben sind von Gott, der kann dem anderen leichter dessen Fehler vergeben.

Christen sollen mit allen Menschen in Frieden leben, sagt Paulus. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.  Es ist geradezu befreiend, wie nüchtern der Apostel seine Worte formt: Ist’s möglich, soviel an euch liegt. Er weiß, dass man zum Friedenstiften immer zwei braucht. Und wie oft geschieht es, dass man selber zwar will, aber der andere Teil nicht mittut.
„Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ – so formuliert es nicht Paulus, sondern Friedrich Schiller in seinem Schauspiel „Wilhelm Tell“. Paulus gibt den Rat: nicht aufgeben, sondern immer wieder probieren. Ist’s möglich, soviel an euch liegt … Das will sagen: Ihr sollt nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn der andere euren Friedensbemühungen gegenüber die kalte Schulter zeigt. Es ist kein Zeichen von Charakterschwäche, wenn man als erster den Schritt zum Frieden tut. Friede ist ja nichts, was einem in den Schoß fällt. Gott hat den Frieden gemacht mit den Menschen – und es hat ihn seinen Sohn gekostet. Friedensbereitschaft ist niemals ein Zeichen von Schwäche, sondern des Mutes. 
 
Rache zu üben steht uns nicht zu, sondern allein Gott. Rache ist nicht süß, sondern Rache zerstört mich. Vergebung schenkt neues Leben, wie die folgende Geschichte zeigt:
Der Evangelist Dapozzo erzählt: „Jahrelang habe ich um meines Glaubens willen in einem deutschen Konzentrationslager gelitten. Ich wog nur noch 45 Kilogramm, und mein ganzer Körper war mit Wunden bedeckt. Mein rechter Arm war gebrochen und ohne ärztliche Behandlung gelassen. Am Weihnachtsabend 1943 ließ mich der Lagerkommandant rufen. Ich stand mit bloßem Oberkörper und barfuß vor ihm. Er saß an einer reich gedeckten, festlichen Tafel.
Stehend musste ich zusehen, wie er sich die Leckerbissen schmecken ließ. Da wurde ich vom Bösen versucht: ,Dapozzo, glaubst du immer noch an den 23. Psalm: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang!‘ Im Stillen betete ich zu Gott und konnte dann antworten: ,Ja, ich glaube daran!‘ Der Kellner brachte Kaffee und ein Päckchen Kekse. Der Lagerkommandant aß sie mit Genuss und sagte zu mir: ,Ihre Frau ist eine gute Köchin, Dapozzo!‘ Ich verstand nicht, was er meinte. Er erklärte es mir: ,Seit Jahren schickt ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die ich immer mit Behagen gegessen habe.‘ Wieder kämpfte ich gegen die Versuchung an.
Meine Frau und meine vier Kinder hatten von ihren ohnehin kargen Rationen Mehl, Fett und Zucker gespart, um mir etwas zukommen zu lassen. Und dieser Mann hatte die Nahrung meiner Kinder gegessen. Der Teufel flüsterte mir zu: ‚Hasse ihn, Dapozzo, hasse ihn!‘ Wieder betete ich gegen den Hass an um Liebe. Ich bat den Kommandanten, wenigstens an einem der Kuchen riechen zu dürfen, um dabei an meine Frau und meine Kinder zu denken. Aber der Peiniger gewährte mir meine Bitte nicht. Er verfluchte mich. 
Als der Krieg vorüber war, suchte ich nach dem Lagerkommandanten. Er war entkommen und untergetaucht. Nach zehn Jahren fand ich ihn schließlich und besuchte ihn zusammen mit einem Pfarrer.      Natürlich erkannte er mich nicht. Dann sagte ich zu ihm: ,Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?‘
Da bekam er plötzlich Angst: ,Sie sind gekommen, um sich an mir zu rächen?‘ Ja, bestätigte ich und öffnete ein großes Paket. Ein herrlicher Kuchen kam zum Vorschein. Ich bat seine Frau, Kaffee zu kochen. Dann aßen wir schweigend den Kuchen und tranken Kaffee. Der Kommandant begann zu weinen und mich um Verzeihung zu bitten. Ich erzählte ihm, dass ich ihm um Christi willen vergeben werde. Ein Jahr später fanden dieser Mann und seine Frau zum Glauben an Jesus Christus.“
Es wird schwierig bleiben, das „süße“ Gefühl der Rache zu unterdrücken, denn es ist ein starkes Gefühl. Wenn aber das Gesetz der Rache nicht unterbrochen wird, werden aus Opfern der Rache wieder Täter, die sich rächen. Der Kreislauf wird erst unterbrochen, wenn wir den Rachegedanken an Gott abgeben.

Paulus zitiert eine ganz merkwürdige Anweisung, wie man seine Feinde überwinden soll: nicht durch Rüstung, starke Worte oder Gesetz.

Paulus schlägt stattdessen eine aktive Haltung vor, um Gewalt zu vermeiden: Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. 
Tu etwas, so könnte man Paulus interpretieren, womit dein Feind nicht rechnet: gib ihm zu essen, gib ihm zu trinken. 
Tu etwas, womit du ihn in gewisser Weise überraschst. 
Du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. 
Feurige Kohlen auf dem Haupt, das ist ein alter ägyptischer Brauch. Wer sich schämte für etwas, was er getan hatte, der lief mit einem Becken voll glühender Kohlen auf dem Kopf herum.
Tu etwas, was deinen Feind überrascht, schlägt Paulus vor. Bringe ihn durch das Gute in Verlegenheit, so dass es ihm richtig heiß wird. Vielleicht wird er sich ändern. Im besten Fall wird aus einem Feind ein Freund. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Aber versuch es doch wenigstens.

Gelegenheiten gibt es viele: Trotzdem weiterhin zu grüßen. Sich seine eigene Freundlichkeit und Offenheit zu bewahren. Sicherlich fällt Ihnen etwas ein.
In jedem Satz unseres Predigtwortes tritt das Bild Jesu Christi vor uns hin. Er ist es, der sich vom Bösen nicht hat besiegen lassen. Er ist es, der das Böse überwunden hat durch seine Liebe. Er ist es, der mit uns und der ganzen Welt Frieden gemacht hat an seinem Kreuz.
Unser Weg als Christen ist ein Weg, der Menschen durch Liebe und Friedfertigkeit gewinnen will. 
Wo Gutes getan wird, hat das Böse seine Macht verloren. Und wer Gutes tut, darf mit Gottes Hilfe rechnen. Er ist es, der letztlich den Kampf entscheiden wird. 
Wir beten im Vaterunser: „Erlöse uns von dem Bösen“. 
Und wir vertrauen darauf, dass Gott unsere Welt zum Guten wendet.

Amen.

Andacht für den 2. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2020 von Kirchenrat Winfried Schlüter

Das Jahr steht im Zenit. Sommersonnwende am 21. Juni. Auch das Kirchenjahr steht im Zenit und hat im Juni drei wichtige Gedenktage.

Am 24. Juni ist Johannistag. Tag Johannes des Täufers. Am 25. Juni ist Gedenktag der confessio augustana unseres Augsburgischen Bekenntnisses von 1530. Und am Ende des Monats am 29. Juni ist Peter und Paul. Gedenktag der Apostelfürsten Petrus und Paulus.

Pfingsten haben wir den heiligen Geist gefeiert, Geburtstag der Kirche. Haben geträumt von einer vom Geist bewegten Kirche. Einer Kirche, die auch die Welt bewegt. Haben auch von uns geträumt. Ein jeder von uns darf und kann Geist Träger sein. Salz der Erde, Licht auf dem Berg.

Heute mit den drei besonderen Tagen im Kirchenjahr erinnern wir an 3 wichtige Bauteile der Kirche Jesu. Meiner Kirche, in der auch ich ein Baustein bin.

Paulus in der Epistel verkündet: „wir alle hier sind ja Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen ein Bau erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten in dem Jesus Christus der Eckstein ist.“

 

Und dann ist da als Erster Johannes der Täufer. Sein Arbeitsplatz ist der Jordan. Sein Job Bußprediger. Sohn der Base Marias, Elisabeth. Cousin Jesu. Ein Mann zwischen den Zeiten und zwischen allen Stühlen. Verkünder des Messias, tauft ihn, sieht den Himmel offen, aber folgt dem nicht nach.

Bekennt demütig. Er muss zunehmen, ich aber abnehmen. Sagt seinem König die Wahrheit, sein Inzest ist Sünde, und wird dafür geköpft. Der Täufer Opfer göttlicher Wahrheit und seines Bekennermutes, ja ein Märtyrer.

Und ein Moderner, ein Mann des Zweifels. Fragt im Gefängnis, ist dieser Jesus da wirklich der, der kommen soll oder sollen wir auf einen anderen Erlöser warten.
Johannes ein wichtiger Baustein der Kirche Jesu, Mitbürger der Heiligen, Gottes Hausgenosse, ein Baustein von Grund auf in dem Bau in dem Jesus der Eckstein ist.

Wo berührt mich sein Lebensschicksal, seine Glaubenssuche, sein Zweifel? Sein Opfer. Seine Demut. Wo ist er mir Vorbild, Hilfe, Trost? Sein Haupt wird heute noch hoch verehrt in der Omajadenmoschee in Damaskus. Mitten im geplagten Syrien.

 

Und dann ist da der 25. Juni der Gedenktag der Augsburgischen Konfession. Dieses Bekenntnis mit seinen 27 Artikeln Ist lutherische Lehr- und Glaubensgrundlage nach der heiligen Schrift. Vorgelegt auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 vor Kaiser und Reich. Reichsrecht bis heute, sagen Historiker.

In Kirchen lutherischer Tradition, wie unserer Landeskirche, ist es so was wie ein Grundgesetz. Pfarrer, Kirchenvorsteher werden darauf verpflichtet. Zum Lesen und Bedenken schlage man das Gesangbuch hinten auf.
Erarbeiter sind vor allem unsere Reformatoren Luther/Melanchton. Dazu Fürsten von Sachsen, Hessen, Brandenburg, freie Reichsstädte wir Nürnberg, Weißenburg und eben Augsburg.
Bekennermut liest sich in der Confessio. Glaubensüberzeugung und der Traum einer reformierten einer erneuerten Kirche Jesu. Unsere Confessio legt dar, was Evangelischen bis heute wichtig ist vor Gott in Kirche und Welt. Sie ist der mutige Versuch die Einheit der Kirche mit den Altgläubigen, Römischen, Kaiserlichen Päpstlichen zu erhalten.

Für unsere Identität unser Profil im Konzert der Konfessionen ist und bleibt die Confessio Augustana unverzichtbar. Ja die Lektüre tät sich lohnen.

Die Reformatoren mit unserer Confessio, ein wichtiger Baustein der Kirche Jesu. Mitbürger der Heiligen, Gottes Hausgenossen, Bausteine von vor 530 Jahren in dem Bau in dem Christus Eckstein ist.

Wie berührt mich diese Botschaft. Öffentlich profund, profiliert engagiert trotzig für meine Art des Glaubens einzustehen. Gerade vor Fürsten, Parteien, politischen Gestalten. Auch wenn es dazu Trotz, Dialogfähigkeit und auch manchmal Streit braucht. M. Luther war ja ein klassisches Alphatier. Melanchton eher der Ireniker.

Wie sage, ja lebe, ich es, dass mir meine protestantische Tradition mein eingeübter Glaubensschatz seit Generationen Hilfe, Trost, Anregung ist. Wertvoll auch für andere. Im Grunde unverzichtbar für ein gelingendes Leben.

 

Und dann sind da zu Guter Letzt die Apostelfürsten Petrus und Paulus mit ihrem 29. Juni. Ihr Ende kennen wir. Zur Zeit Neros sterben sie in Rom den Märtyrertod. Ihre Gräber werden verehrt. Ihren Anfang kennen wir auch. Petrus ist Handwerker, Fischer. Paulus Rabbinenschüler hochgebildeter Professor. Kirche Jesu liebt Gegensätze. Deo gratias. Versöhnte Verschiedenheit.

Petrus ist in Jerusalem für einige Zeit Vorsteher der Gemeinde. In Rom dann wohl erster Bischof. Von seinem Bekenntnis: ja Jesus du bist unser Messias, unser Erlöser, lebt Kirche bis heut. Auch von seiner Liebeserklärung lebt Kirche Jesu. Herr du weißt, dass ich dich liebhabe. Auch von seiner 2. Chance. Vergeben wird ihm der Verrat, neu wird er gesendet: weide meine Lämmer.

Paulus ist der mit den vielen Briefen im Neuen Testament, der oft nicht leichte Theologe, Streiter für Gnade und Barmherzigkeit Gottes: geliebt und angenommen sind wir von Gott ohne Vorleistung allein aus Glauben, allein aus Gnaden, allein durch Jesu Opfer.

Von seinem Eifer, seiner Denke, seiner Frömmigkeit, seiner Jesusbegegnung vor Damaskus seiner Leidenschaft Juden und Heiden gemeinsam das Evangelium nahe zu bringen auch seiner Streitlust mit den Altaposteln um der Wahrheit des Evangeliums willen, lebt Kirche bis heute.

Petrus du Paulus zwei wichtige Bausteine im Fundament der Kirche Jesu, Mitbürger der Heiligen, Gottes Hausgenossen, Bausteine in dem Bau, in dem Jesus Christus Eckstein ist. Übrigens zusammen mit vielen Frauen der ersten Stunde: Maria Salome Maria Magdalena vor allem Maria Mutter Jesu.

Wie schön, dass viele unserer Kirchen ihre Namen tragen. Wie schön, wenn ihr Lebens- und Glaubensschicksal mit Hilfe sein kann, Trost, Anregung, Vorbild, um lebendiger Baustein meiner Kirche zu sein, selbst ein glanzvolles Vorbild für die Vielen, die nach mir kommen.

Salz der Erde, ein Licht auf dem Berg. Meine Kirche nicht nur ein schöner Traum. Danke ihr guten Vorbilder Johannes, Martin Luther, Philipp Melanchton, Petrus, Paulus, ihr Frauen und Männer, ihr Mütter und Väter und ihr vielen, vielen ungezählten lieben Großeltern. …… Danke ……Amen.

 

 

 

 

 

 

Andacht für den 1. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2020 von Johannes Gortner

Liebe Gemeinde,

kürzlich hat mir bei einem Klassentreffen ein ehemaliger Mitschüler aus seinem Berufsleben erzählt. Er war Richter an einem Amtsgericht und konnte uns mit einigen lustigen Fällen aus seinen Erfahrungen unterhalten.  Das hat mich an die Fernsehserie “Das königliche bayerische Amtsgericht” erinnert.  Das Überraschende war jedoch der Hinweis, dass die Mehrzahl der Akten auf seinem Schreibtisch keine kriminellen Straftaten enthielten, sondern Klagen um Geld, Hab und Gut.  Beim Geld hört die Freundschaft und da verklagt eben ein Nachbar den anderen, weil er seine Garage um ein paar Zentimeter zu nahe an seinem Grundstück gebaut hat.  Ein anderer fühlt sich bei einem Autokauf übervorteilt.  Und wir kennen ja die verärgerten Drohungen wie “Der gehört angezeigt…!” oder “Die ziehe ich vor das Gericht…!” aus den alltäglichen Unterhaltungen.  Wenn wir unser Besitz, unser Hab und Gut bedroht sehen, werden wir sehr empfindlich.  Das ist verständlich. Wie viel Zeit, Kraft, Strebsamkeit, ja Lebensenergie investieren wir um zu Besitz, Wohlstand und materielle Sicherheit zu kommen.  Und haben wir schließlich ein beruhigendes Niveau erreicht und genießen die Früchte der Arbeit, dann beginnen Sorge und Angst mit ihrem Werk – es könnte alles verloren wieder verloren gehen- : “Hoffentlich geht der Euro nicht kaputt, hoffentlich macht meine Firma nicht pleite! ”  Gerade die wirtschaftlichen Folgen bei der Bewältigung der Coronakrise lassen diese Sorgen und Ängste für viele schmerzhaft real werden.  Kurzarbeit, das Sparkonto schmilzt, Arbeitslosigkeit droht.  Die Armut bläht sich wie Schreckgespenst am Horizont auf.

Ja, es stimmt. Es gibt in unserem so reich erscheinenden Land viele, zu viele arme Menschen. Auch ohne Coronakrise. Jedes 7. Kind ist  armutsgefährdet. Das ist ein Skandal! Dieser Tage beobachte ich vor dem Supermarkt einen älteren Mann – auf den ersten Blick wirkt er ordentlich gekleidet – wie er aus der Abfalltonne leere Flaschen holt um sie dann gegen Geldbons an der Kasse einzutauschen. Warum hat er das nötig?  Wahrscheinlich ist seine Rente zu klein, “zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben?”  Und die Kluft zwischen reich und arm wird immer größer mund tiefer.  Welche Ungerechtigkeit!

Wie gehen wir mit der Armut um?  Diese Frage ist wahrhaftig nicht neu. Sie hat auch die ersten frühen Christengemeinden bewegt. Auch unter ihnen gab es wohlhabendere und ärmere, notleidende  Menschen.  Das durfte aber nicht sein, wenn sie in der Nachfolge Jesu leben, am Bau des Reiches Gottes mitwirken wollten.

Sie erinnerten sich an das Gebet Jesu, als er Abschied von seinen Jüngern nahm und Gott bat, “dass sie alle eins seien.” (Joh. 17, 21).  Und hatte nicht Jesus den Ruf, der “Heiland der Armen” zu sein? Hatte er nicht gesagt:  “Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins das Reich Gottes kommt” (Mt. 19,24)?  Also setzte die junge Gemeinde, wie uns der Evangelist Lukas beschreibt, ihren Glauben herzhaft in die Tat um. Sie brauchte dazu kein politisches Programm zur Armutsbekämpfung. Sie bauten auf etwas anderes, mächtigeres, das sie bewegte, nämlich den Heiligen Geist.

Ihn hatte der Apostel Petrus in einer begeisternden Rede an die Gemeinde verheißen hatte: “Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes” (Apostelgeschichte des Lukas 2, 38). In diesem Geist lebten sie miteinander. Lukas beschreibt  ihr Zusammensein  so: “Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.” (Apostelgeschichte des Lukas 2,42).

Nun hören wir einen Abschnitt aus dem 4. Kapitel der Apostelgeschichte des Lukas in den Versen 32-37 über die Armutsbekämpfung der frühen Christengemeinde: Er liegt dieser Predigt zugrunde:

32: Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

33: Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

34: Und es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte

35: und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

36: Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes – , ein Levit, aus Zypern gebürtig,

37: der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Bewundernswert ist diese solidarische Gütergemeinschaft der ersten Gemeinde. Wie konsequent und mutig diese Christen ihren Glauben in die Tat umgesetzt haben und zwar in einem Bereich, wo es erfahrungsgemäß besonders weh tut: wenn es sich um das Eigentum, den Besitz, den Wohlstand handelt,  oder kurz und knapp:  wenn es an den Geldbeutel geht ! Da hören oft die schönsten Sonntagsreden  und Bekenntnisse auf.  Wer so handelt, sein Eigentum der Gemeinschaft anvertraut, der muss seine Ängste vor Verlust und wirtschaftlicher Unsicherheit überwinden können. Dies sind oft richtige Existenzängste. Sie zu besiegen zu können, dazu braucht es eine große Portion Kraft zur Selbstüberwindung und zum Loslassen-Können dessen, was einem im Leben oft so wert und teuer geworden ist. Diese Christen haben ihre Kraft aus dem Glauben an die Auferstehung Christi gewonnen. Dem Tod ist die Macht genommen und wir müssen die Saaten des Todes aus unseren Herzen und aus unserer Gemeinschaft entfernen. In diesem Geist lebten sie zusammen. Die Saaten des Todes sind Egoismus, Ausnützung anderer Menschen um den eigenen Wohlstand zu gewinnen und zu mehren, das sind Habsucht und Raffsucht und Neid und…und …und…Wie ihnen dieses Glaubensprojekt gelang, ist wirklich bewundernswert.  

Natürlich liegt es nahe, den Idealismus der ersten Christengemeinden der Begeisterung des Anfanges zuzuschreiben. Darauf folgt ja im Allgemeinen die  Phase Ernüchterung und die “Abnutzung des Reifenprofils”. Das lehrt die Geschichte der Kirche. Wir leben heute in einer ganz anderen Situation, aus unserem ökonomischen System können wir nicht so einfach aussteigen und die Uhr der Zeit auf  Anfang zurückstellen. Richtig. Aber dieser Geist der solidarischen Gütergemeinschaft wurde in den klösterlichen Ordengemeinschaften und, zum Beispiel, in den christlichen Landwirtschaftskommunen der Mennoniten und der Amishgemeinden in den USA  lebendig erhalten werden.  

Doch in einem bleiben wir mit den ersten Christen und der Botschaft Jesu verbunden.  Das ist ein Auftrag, der bis heute gilt. Er heißt Einsatz für die armen Menschen unter uns.  Jesus ist in die Armut hineingeboren worden und das ist seine  Auftrag für uns: kümmert euch um sie.  Heute sieht Armut anders aus als damals.

Das Bild des verlumpten Lazarus aus dem Lukasevangelium, das uns mit seiner ganzen Erbärmlichkeit ins Auge springt, muss für heute redigiert werden. Armut in unserem Lande ist heutzutage oft verdeckt.  Von Armut bedrohte Kinder unter uns leiden oft weniger an Hunger oder Obdachlosigkeit. Aber sie sind schlecht und einseitig ernährt, weil es der alleinerziehenden Mutter einfach an Geld für gesunde Lebensmittel fehlt.  Das heißt, dass sie schon mit angeschlagener Gesundheit aufwachsen. Sie können nicht mit den Eltern in die Ferien fahren, nicht an Klassenfahrten teilnehmen, erhalten keinen Musikunterricht, den Sportverein können sie sich nicht leisten. Diese Kinder sind nicht in der Lage an einem förderlichen kindgemäßen sozialen Leben teilzuhaben. Sie erleben sich als Ausgegrenzte, als Außenseiter. Die Gefahr ist groß, dass sie nie mehr herauskommen aus diesem Teufelskreis und ihr Leben lang Teil des sog. Prekariates bleiben.

Und die Armut der Erwachsenen?  Sie beginnt, nach einer amtlichen Definition dann, wenn jemand weniger als 60 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens zum Leben hat. Das sind gegenwärtig 1035 € im Monat. Und die Mieten steigen und steigen.  Es ist “zu wenig zum Leben und zu wenig zum Sterben”.In die Armutsfalle zu geraten.  kann schnell gehen. Längere Arbeitslosigkeit,  dauerhafte Beschäftigung im Niedriglohnsektor, der bei uns erschreckend groß ist, Scheidung, chronische Erkrankungen, der Ursachen für die Armut gibt es also viele und sie lauern überall.  Solche abfälligen Sprüche wie “selber schuld” oder  “wie man sich bettet, so liegt man” oder “Jeder ist seines Glückes Schmied” sind selbstgerecht und zynisch.  Wir sollten ihnen widersprechen, wenn wir sie hören. 

Wer von uns mehr über die Armut in Würzburg erfahren will, der sollte mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Bahnhofsmission reden. Sie können aus ihrer Arbeit von erschütternden Schicksalen berichten.

Das Diakonische Werk Würzburg – die Diakonie ist unser evangelisches Sozialwerk – bietet mit der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit eine wichtige Beratungsstelle für Menschen in sozialen Notlagen an. Das Ziel ist die “Hilfe zur Selbsthilfe”. Diakonie und Caritas sind gemeinsam verantwortlich für  die Christophorus-Gesellschaft in Würzburg. Sie bieten dort, z.B., eine gemeinsame Schuldnerberatung an oder Hilfen für die Wiedereingliederung von Strafgefangenen nach der Haftentlassung.  Wir können diese hochqualifizierten kirchlichen Werke im Dienste der Armutsbekämpfung mit unseren Spenden unterstützen.  

Jesus beginnt seine Feldrede im Lukasevangelium mit einer Verheißung.

Er sagt: “Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.” (Lk. 6,20).

Es liegt auch an uns, an unserer Nächstenliebe, dass aus dieser Verheißung für die Armen unter uns ein lebenswertes Leben wird.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Andacht für Trinitatis, 07. Juni 2020 von Manfred Engel

Liebe Friedens-Kirchen-Gemeinde, liebe Gäste!

Das Thema der Predigt zur Trinitatis-Zeit lautet: „Weiter Raum auf schmalem Weg“.  
2018 arbeiteten meine Frau Renate und ich ehrenamtlich bei den christlichen Angeboten der Landesgartenschau mit in der Trinitatis-Kapelle.
Die symbolkräftige Architektur der Trinitatis-Kapelle regt zu anschaulichem Besinnen an. Lassen Sie sich durch die bildreiche Predigt anregen!

  1. Annäherung

Von der Höhe der Landesgarten-Schau im Osten fiel den Besuchern beim Blick nach Westen die Dreiecks-Pyramide am „Alten Park“ ins Auge. Bei entsprechendem Sonnenstand funkelt sie wie ein Diamant:  Die Trinitatis-Kapelle. Sie ist ein richtiger „Fund-Ort“.  Ja! Gott lässt sich überall finden. So sucht mancher Gott in der Natur, auf dem Jakobs-Weg, in Familie oder Musik. Am sichersten aber lässt sich Gott finden  in der christlichen Gemeinde.
Dort, „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20, LÜ), sagt Jesus. 

  1. Die Dreiecks-Pyramide

Auf Dreiecks-Grund erheben sich die Spitzen der Dach-Flächen gen Himmel.
Sie stehen für  die Drei-Einigkeit: Für Gott Vater,   Sohn   und Heiliger Geist.
Die Dach-Flächen aus poliertem Edelstahl mit ihrem Spiegel-Glanz wollen uns auf die strahlende Herrlichkeit der Trinität Gottes hinweisen.
>Die größte Fläche zeigt symbolisch nach Osten. Sie lässt sich „Gott Vater,  dem allmächtigen Schöpfer“ zuordnen.
>Die Dach-Fläche am „schmalen Zugangs-Weg“ passt zum Heiligen Geist. Er begleitet den Weg der Menschen gewaltig, aber tröstlich unauffällig.
>Die dritte Dach-Fläche mit offener Tür ist dem  Eintretenden zugewandt. Sie passt zu Jesus, der von sich sagt:
„Ich bin das Tor. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird hinein- und hinausgehen und eine gute Weide finden“ (Joh 10,9; BasisB).

  1. Zugang

Vom breiten Haupt-Weg der einstigen Landesgarten-Schau führt ein schmaler Pfad mit leichtem Gefälle um die Dreiecks-Pyramide herum zur Trinitatis-Tür.
Bei  „Tür“  denkt   man unwillkürlich an Jesu einladendes Wort:
„Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal ist der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden“ (Mt 7,13-14). Die Tür zum ewigen Leben ist Jesus.
Sie ist zwar eng, aber zugleich weit offen für jeden aufrichtigen Gott-Sucher. 

  1. Gegen den Uhr-Zeiger-Sinn

Der Weg zum offenen Eingang   führt ganz um die Trinitatis-Kapelle herum. Und das gegen den Uhrzeiger-Sinn.
Was dachten sich wohl die Architekten dabei? Hand auf’s Herz! Gottes Einladung zum Glauben geht uns   von Natur aus   gegen   den Strich. Sie durchkreuzt  meine  selbstbestimmten Lebens-Entwürfe und Lebens-Pläne. Darauf rebelliert mein stolzes Herz. Darf es auch. Doch im Glauben steckt auch die Kraft zur Selbst-Überwindung.

  1. Der Innen-Raum

Macher empfanden den Raum enttäuschend schmucklos. Der eigentliche Schmuck sollen die Besucher sein, mehr noch die Gegenwart Jesus. Wie es im 4. Vers des Kirchen-Liedes   „Schönster Herr Jesu“   heißt ( EG ö 403): „Schön sind die Blumen, schöner sind die Menschen in der frischen Jugend-Zeit, (sie müssen sterben, müssen verderben:) Jesus bleibt in Ewigkeit!“
Im Raum selbst wird der Blick unwillkürlich nach oben gelenkt.
Zum einen sind es die in die Höhe strebenden 3 Seiten-Flächen und zum andern der Licht-Einfall-Schacht in der Spitze der Trinitatis-Kapelle.

Die Schöpfung lechzt neben Wasser nach Licht.

Dem entspricht Jesus Wort: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12). Und an  den Glaubenden von heute spricht er ermutigend zu:
„Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,14.16; LÜ).
Das geschieht mit einem freundlichen Blick, einem fröhlichen Gruß, eine ermutigende Geste, ein einfühlsames Wort, eine helfende Tat, ein stilles Gebet.

Die Enge von Trinitatis bringt mich auf eine Geschichte (Heinz Schäfer, Hört.., Nr. 216), die Geschichte des Chinesen „Yang“ .

Er zahlte für seinen Glauben an Jesus einen hohen Preis. Yang (der männlich Gute; Yin,  weibl.) war ein wohlhabender Kaufmann. Als er sich einer christlichen Gemeinde anschloss, setzte ihm seine konfuzianische Familie zu. Seine bisherige Kundschaft boykottierte ihn. Bald musste er Geschäft und Villa verkaufen. Ihm blieb bloß noch eine armselige Hütte mit Mini-Garten.

Freunde von einst sahen sein Elend. Wohlmeinend drückten sie ihm ihr Bedauern aus. Aber Yang wirkte gar nicht verhärmt, eher zufrieden.

So gestand er den Freunden aus besseren Zeiten:„Ja, mein jetziger Garten ist weder lang noch breit. Doch “ – Yang streckte seine Hand nach oben,  hin-auf in den Himmel – „doch, mein kleines An-Wesen ist dafür    s e h r    hoch.“ 

Yang’s Glaube fand in Jesus „weiten Raum“ (Ps 31,9), die Weite nach oben, Gottes Himmel-Reich, den Raum der Glück-Seligkeit.

Er wusste:   „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat… und ist (dabei) nicht reich bei Gott“ (Lk 12,15.21).

„Arm und reich“ sind relative, nur eingeschränkte Begriffe.  Vom Lieder-Dichter Gerhard Tersteegen stammt die Feststellung: „Reich ist, wer viel hat; reicher ist, wer wenig braucht; am reichsten ist, wer viel gibt.

Die Einschränkungen durch Corona sind bedrückend. Vertrauen wir Jesus. Er „stellt unsre Füße auf weiten Raum“ (Ps. 31,9).

 

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre uns Herzen und Sinne in Christus Jesus!“ Amen!

Andacht für den 6. Sonntag nach Ostern – Exaudi, 24. Mai 2020 von Johannes Gortner

Friedenskirche Rottendorf Jer. 31, 31-34 

Eingangslied Nr.  444, 1-3: Die güldene Sonne
Psalm 27, Nr. 744, S. 1282
Lied Nr. 136, 1+2+7: O komm du Geist der Wahrheit

Evangeliumslesung: Joh. 16, 5 – 15 

 

Liebe Gemeinde,

vor kurzem wurde ich zu einer Silbernen Hochzeitsfeier eingeladen. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn ich hatte das Jubelpaar vor 25 Jahren getraut.  Die Einladung trug die Überschrift: wir, Rainer und Inge, feiern und erneuern unseren Ehebund und laden Euch herzlich dazu ein.  Der Höhepunkt des Festes war der Gang der der Festgesellschaft zu einer alten Eiche im nahegelegenen Wald. Dort hatte das damals junge Paar ein Herz in die Rinde geschnitzt.  Das Herz als Symbol ihrer Liebe.  Und siehe da: das Herz war zur Freude aller noch zu erkennen!  Das gab ein fröhliches Hurra! Heute hängen die jungen Paare eher Schlösser an Brückgeländer um ihre Liebe zu bekunden. Manchmal denke ich dabei: hoffentlich werden daraus keine Luftschlösser. Ja, viele schaffen es nicht, ihre Liebe lebendig und frisch zu erhalten, so wie bei Rainer und Inge. Der Ehebund hält nicht. Da bleiben dann oft gebrochene und gekränkte Herzen zurück.

Um einen ganz anderen Bund geht es um den heutigen Predigttext aus dem Alten Testament.  Den Bund einer dramatischen Geschichte zwischen Gott und dem Volk Israel. Erinnern wir uns: Gott hat das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten heraus in die Freiheit geführt. Dazu hat er ihm ein Land als neuen Lebensraum geschenkt.  Die Israeliten  verpflichteten sich, künftig Gottes Willen zu achten, ihm die Ehre zu geben und miteinander rücksichtsvoll und fair umzugehen, also eine solidarische Gesellschaft zu sein. Diesen Bund zwischen Gott und dem Volk besiegelten die 10 Gebote.  Er war fast wie die Beschreibung eines rechtlichen Vertrages. Aber dann ging es halt immer menschlicher und allzu menschlich im Volk zu. Nicht mehr das Gesetz Gottes bestimmte Handel und Wandel, sondern Betrug, rücksichtsloses Gewinnstreben und dazu neigten die Israeliten dazu, fremde Götter anzubeten, die ihnen mehr materiellen Wohlstand verhießen. Da trat Prophet Jeremias im Namen Gottes auf. Wir sind im 7. Jahrhundert vor Christus. Er war ein sensibler Mann, erlitt unsäglich unter dem Verhalten seiner Landsleute. Deshalb wurde er später der “weinende” Prophet genannt. Er prophezeite, dass Israel seines Landes als Strafe  Gottes beraubt würde, wenn es sich nicht ändert. Dafür wurde er als Landesverräter ins Gefängnis gesteckt. Und die Drohung wurde wahr: Israel wurde von den Assyrern unter König Nebukadnezar besetzt und die Oberschicht wurde nach Babylon deportiert.  Der Tempel zerstört. Doch die Unheilsverkündung blieb nicht das letzte Wort des Propheten und nicht das letzte Wort Gottes.  

Wir hören Jeremia 31, 31 – 34: Lesung…

Jetzt wird ein anderer Ton angeschlagen im Konflikt, im Streit zwischen Gott, Jeremia und dem Volk, das einen Irrweg eingeschlagen hat. Keine Strafandrohung,  kein Appell an den Gehorsam, keine Vorhaltungen mehr. Damit erreicht  man bei den Leuten in der Regel gar nichts. Gott entscheidet sich durch den Mund des Propheten anders: “Siehe, es kommt die Zeit, da will ich mit Israel einen neuen Bund schließen.” Das klingt verheißungsvoll. Tröstlich. Da klingt eine neue, bessere Zukunft an.

Und nun  gilt der neue Bund nicht allein für die Geschichte dieses antiken Volkes im Dunkel der Geschichte, sondern wir Heutigen sind damit gemeint, mit einbezogen. Gott stellt die Beziehung auf ein neues Fundament:  “Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.” 

Wenn mich etwas in meinem Herzen berührt, das erlebe ich ganz intensiv. Das bringt mehr Saiten in mir zum Klingen als das, was die nüchterne Sprache des Verstandes mir mitteilt. Es rührt meine Gefühle an. Das kann ein Erlebnis in der Natur sein, ein Lied, ein gutes Wort,  eine Berührung, die gut tut, ja, natürlich, das Erlebnis der Liebe zu einem anderen Menschen. Wenn mich etwas in meinem Herzen berührt, dann fühle ich mich lebendig und ich möchte es ganz festhalten, in mir verankern. So ist es, wenn Gott sein Wort  in das Herz und den Sinn eines Menschen schreibt. Diese Inschrift ist wie ein neues Skript, das sagt: Hey, es ist nicht alles so, wie du immer denkst! Lies´ dich selbst,  deine Mitmenschen, dein Leben und auch deinen Gott mit neuen Augen.  Du musst dich nicht mehr von deinen Sorgen und Ängsten mürbe machen lassen. Vertrau deinem Herrgott, er sorgt für dich. Stell´ es ab, dass dich laufend die Idee wurmt, du seiest im Leben zu kurz gekommen und den anderen geht es immer besser als dir selbst. Schau´ auf das Gute, das dir geschenkt worden ist. Hör´ auf darüber zu grübeln, was dir anderen Menschen angetan haben. Vergib ihnen,  so wie du möchtest, dass dir auch vergeben wird.  Hilf´ anderen Menschen, wenn sie dich brauchen und achte nicht mehr darauf, was du selbst von der guten Tat hast. Tue es, ohne Berechnung.  Das ist das Gesetz Gottes. Es ist kein einengendes Gesetz, sondern eine Befreiung von irreführenden, belastenden Gedanken und Vorstellungen. Eine Befreiung, deren Erfahrung einem das Herz aufschließen kann. Der neue Bund, den Gott anbietet, ist kein juristisches Vertragswerk, sondern es ist ein Geschenk. Das Geschenk der Geborgenheit in Gott und seiner  Treue. Wer das erfährt, dem geht das Herz auf und er kann davon ein Leben lang zehren. 

In diesen Tagen der Erinnerung an das Ende des 2. Weltkrieges erinnere ich mich an viele Erzählungen, die ich von Menschen, die als Soldaten oder als Flüchtlinge und Ausgebombte den Krieg überstanden haben. Besonders eindrücklich waren für mich die Berichte darüber, wie ihnen in all den Gefahren ihr Glauben geholfen hat. Die Bibel- oder Liedverse, die ihnen als Kinder in die Herzen und Sinne geschrieben wurden. “Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt…” oder aus dem Psalm 23: “Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich…”

Ich denke auch an demenzkranke Menschen in den Altenpflegheimen.

Sie haben große Konzentrationsschwierigkeiten, dennoch besuchen sie gerne die Gottesdienste. Obwohl ihre Erinnerungen stark eingetrübt sind, können sie ganze Lieder oder das  Vaterunser so auswendig als hätten sie es frisch gelernt. Sie freuen sich darüber. Ihr Glauben wurde ihnen früher unauslöschlich ins Herz eingeschrieben und ist im Heim eine Lebenshilfe für sie geworden. 

Freilich bleiben viele Herzen verschlossen. Dicht. Da hängen die immer und immer wieder im Kopf hin und her zergrübelten Zweifel an der Existenz Gottes oder die Resignation oder eine Bitterkeit oder einfach eine wurstige Zufriedenheit mit der Oberflächlichkeit des Lebens wie schwere Vorhangschlösser vor den Herzenstüren. Es liegt an uns, offen zu bleiben, immer wieder, für die Wunder des Lebens und für das Geschenk eines Bundes mit Gott, der hält und trägt heute und morgen und über dieses Leben hinaus.

“Siehe, es kommt die Zeit….” lässt Gott den Propheten Jeremia rufen. Johannes der Täufer knüpft an diese Verheißung an und kündigt seinen Zeitgenossen Jesus von Nazareth mit dem Ruf an: “Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist (mit Jesus)  herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.” (MK. 1,15).

Jesus Christus ist der Vermittler und Garant des neuen Bundes Gottes mit uns. Wir feiern ihn im Sakrament der Taufe, das Jesus eingesetzt hat. In der Taufe wird das Kind in die unzerstörbare Gemeinschaft mit Gott hineingenommen. Und wir ehren diesen Bund im Heiligen Abendmahl, das die Gemeinde der Friedenskirche hoffentlich bald wieder miteinander feiern kann. Das Abendmahl ist das große Versöhnungsfest Christi mit uns. Alles, was uns von Gott trennt wird  überwunden. Bei Jeremia wird es uns schon zugesagt: “Gott spricht: ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.” (Jer. 31, 34). Diese Vergebung spricht uns Christus, der für uns den Weg ans Kreuz gegangen ist, zu. Ihm sei Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt; J. Gortner

Andacht für den 5. Sonntag nach Ostern – Rogate, 17.Mai 2020 von Friedemann Jung

Predigttext: Mt 6, 5-15

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Liebe Gemeinde,

Wenn Sie mal zu einem besonderen Ereignis in der katholischen Kirche geladen werden; und wenn Sie dann die Gelegenheit bekommen, mit dem Bischof oder mit einem Kardinal zu sprechen, so stellt sich sofort die Frage: Wie spreche ich diesen Menschen an?

Das gleiche gilt für die akademische Welt – und natürlich erst recht für die Untiefen der adeligen Gesellschaft – und zumindest teilweise auch für die Welt der Wirtschaft und der Politik. Wie spreche ich einen Menschen richtig an?

Das ist nicht einfach! Ja, dass der Doktor ein Namensbestandteil ist, dass jemand also darauf bestehen kann, dass ich ihn so nenne – das weiß ich. Aber: Der Professor muss nicht sein. Und dass der Bischof Exzellenz heißt wie der Botschafter und der Kardinal Eminenz  – muss man das wissen?

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir damit ziemlich hart tue. Aber – das macht ja eigentlich auch nichts. Es sind ja alles Menschen.

Umso erstaunlicher ist das, was Jesus uns als Anrede für Gott vorschlägt: Vater unser.

Im Lukasevangelium heißt es, noch vertrauter: Abba – also: Lieber Vater, Papa. So redet man keinen König an, keinen Chef – und schon gar nicht den Herrn der Welt. Sollte man meinen. Aber gerade so, sagt Jesus, sollen wir ihn ansprechen. Also der, der diesen Gott doch kennt wie kein anderer, der ihm so nahe ist, dass wir ihn zu Recht Gottes Sohn nennen, der sagt uns: Ihr dürft meinen Vater auch als euren Vater ansprechen.

Ich weiß schon – das ist was anderes – und trotzdem: Wenn ich mir das überlege, dann ist die ganze menschliche Titelei und das ganze Getue um Namen und Titel einfach nur lächerlich.

So beginnt dieses Mustergebt aller Christen für mich jedenfalls mit einer großen Befreiung: Der Herr der Welt ist mein Vater. Aber – und das ist jetzt ganz wichtig: Es heißt: Unser Vater. Damit stellen wir uns zum einen hinein in die Geschichte des Glaubens, zum anderen wird auch deutlich: So sehr mein Glaube eben ganz persönlich mein Glaube ist, sosehr ist dieser Gott eben immer nur mein Gott, sofern er auch der Gott meiner Mitmenschen ist.

Und dann, bevor wir damit anfangen, unserem Vater mit allen möglichen Wünschen in den Ohren zu liegen: Sein Name – und das ist ja kein anderer als: Unser Vater – sein Name werde geheiligt. Klingt einfach. So: Lobpreislieder singen, Gott ist groß sagen. Jesus lebt aufs Auto kleben. Stimmt, das ist alles einfach. Aber: Aufstehen und widersprechen, wenn einer über Gottes Volk herzieht. Protestieren, wo Menschen um ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft willen verachtet und verfolgt werden. Aufstehen gegen Unrecht – und gegen die allfällige Dumpfheit des sogenannten gesunden Menschenverstandes – das ist gar nicht so leicht. Aber darum geht es: Dafür einzutreten, dass der Name Gottes herrlich ist, dass in seinem Namen die Menschen Schwestern und Brüder sind, dass um seines Namens willen Recht und Gerechtigkeit herrschen sollen.

Und dann: Dein Reich komme! Wollen wir das wirklich? Haben wir nicht noch viel zu viel zu tun? Ich will ehrlich sein: Ja, dein Reich komme – aber bitte lass mich erst noch ein bisschen gut leben in meinem wohlverdienten Ruhestand!

Schon klar – wenn das Reich Gottes käme, wäre das sicher viel schöner als mein Ruhestand – aber trotzdem… Und wahrscheinlich könnte dann ja auch nicht alles so bleiben, wie ich es doch gerne habe. Wer weiß, wie das dann aussehen würde. Wo dann mein Platz sein würde. Ja, ich vertraue da schon auf Gott. Und trotzdem…

Sie merken, das, was wir da immer so sagen, das ist gar nicht so klar und einfach.

Auch das mit dem Willen Gottes, der geschehen soll auf der Erde. Ich meine, dass er im Himmel geschieht, davon gehen wir ja aus. Aber auf der Erde – da sind wir ja irgendwie mit eingespannt! Da geschieht ja vieles nicht von allein. Da können wir ja nicht sagen: Lieber Gott, nun mach mal schön. Wir schauen erst mal zu und warten ab. Wir wissen ja vielleicht nicht so genau, was denn dein Wille ist! Und bevor wir was falsch machen…

Also abgesehen davon, dass das feige ist: Wir sind doch deswegen Christen, weil wir wissen, dass Gott uns vergibt. Sogar das Böse – wie dann nicht erst recht den Irrtum? Freilich, ob er uns das Nichtstun vergeben wird? Denn das ist ja manchmal die schlimmste Schuld, die man auf sich laden kann.

Also: Dass Gottes Wille auf der Erde geschieht, das ist auch unsere Aufgabe, da gehören wir mit hinein in das, was da geschehen soll. Und, wenn das geschieht, wenn das klappt, dass Gottes Wille geschieht, dann wird die nächste Bitte wie von selbst erfüllt – und zwar für alle!

Dann werden die Menschen ihr Brot haben – jeden Tag aufs Neue. Das erinnert mich an die Geschichte vom Manna, dem Brot in der Wüste: Das gab es jeden Tag. Für jeden Tag. Nicht im Voraus, nicht zum Lagern: Sondern für heute. Ich weiß schon – so lässt sich unsere Welt nicht organisieren. Und wer so Hans-Guck-In-Die-Luft-mäßig leben würde, der würde nicht nur selber scheitern sondern andere mitreißen. Aber: Dass wir das wirklich Lebensnotwendige uns nicht sichern und nicht aufsparen und nicht sammeln können – das wissen wir doch alle.

Und dann kommt was Schwieriges. Vergib uns unsere Schuld, so wie wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Erste Schwierigkeit: Ich bin doch nicht schuld, niemals. Das sind immer andere. Und, zweitens, selbst wenn ich schuld bin – das ist doch keine Schuld! Das sind doch höchstens Fehler! Und, drittens: Natürlich vergebe ich. Bloß vergessen kann ich nicht. Warum eigentlich? Wir können doch Fehler und Schuld eingestehen – wir wissen doch, dass sie vergeben wird! Und, wenn uns vergeben wird – warum fällt es uns dann so schwer, zu vergeben ? Haben wir da was nicht verstanden? Oder, vielleicht besser: Haben wir da was nicht wirklich erfahren – nämlich Vergebung?

Ach Gott – lass uns nicht in Versuchung geraten! Du weißt ja, dass wir oft so schwach sind. So eigensüchtig. Manchmal auch nur dumm! Lass uns nicht immer und immer wieder das Vertrauen auf dich und die Liebe zu den Menschen verlieren! Befreie uns von dem Bösen – man könnte auch sagen: Lass uns nicht immer wieder das Böse tun und denken und wollen. Denn: Dass das Böse eine Macht wäre abgesehen von unserem Tun, dass es sozusagen eine Art andere göttliche Macht sei – das ist ja nun wirklich absurd! Das Böse ist etwas, das erst entsteht, wo wir es tun – dann aber gewinnt es reale Macht! Und davon also, von dieser unmöglichen Möglichkeit des Bösen, davon, Vater, befreie uns.

Soweit das Vater Unser in seiner Fassung nach Matthäus.

Dass da dann nochmal Gott gelobt wird, das ist, so oder so, auf jeden Fall recht – auch wenn es den Gedankengang unterbricht. Denn der weist auf den engen Zusammenhang hin zwischen dem Tun Gottes und dem Tun des Menschen. Wer vergeben kann, der kann auch mit Vergebung rechnen. Freilich: Uns ist ja schon vergeben! Und so werden wir hier nur sagen können: Danke, Vater! Wir wollen tun, was du uns getan hast. Und was dann noch bleibt – das wird von uns genommen im Gericht, aus dem wir dann endlich ganz rein hervorgehen werden. Deswegen also: Keine Angst!

Und deswegen: Betet! Paulus hat geschrieben: Betet ohne Unterlass. Ich sage: Lebt so, dass alles was ihr tut und sagt, von Gott als Gebet gehört werden kann. Oder: Lebt so, dass Gott immer dabei ist. Vergesst ihn nicht.

Dann kann es euch auch nicht passieren, dass ihr plappert. Dann bildet ihr euch auch nicht ein, wenn nur genug Menschen gleichzeitig um was bitten, dann wird es auch passieren. Darum geht es nicht. Das muss auch nicht sein: Unser Vater weiß, was wir nötig haben. Auch, was wir wollen – aber das ist ja gewiss nicht immer dasselbe.

Betet – lebt in Gottes Gegenwart. So, wie ihr als Kinder immer wusstet, dass die Mutter da ist – so dürft ihr leben: Der Vater im Himmel, der Vater über allen Himmeln ist auch der Vater Jesu Christi und unser Vater und natürlich auch unsere Mutter – aber das muss man ja wohl nicht sagen, dass Gott kein Mann ist.

Und so sei er bei uns und mit uns, als der dreieinige Gott, als der Vater und die Mutter, als der Sohn und die Schwester und als der Heilige Geist, der Leben schafft.

Amen

 

Andacht für den 4. Sonntag nach Ostern – Kantate, 10. Mai 2020

Wochenspruch: Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.  Psalm 98, 1

Lieder:  
EG 165, 1 – 2 + 6 Gott ist gegenwärtig
EG 302, 1 – 2 + 8 Du meine Seele, singe

Predigtwort aus dem 2. Buch der Chronik: 2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. 4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.
12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

Liebe Gemeinde,

das hatte ich mir natürlich ursprünglich schon etwas anders vorgestellt, meinen Abschiedsgottesdienst hier in der Friedenskirche am Sonntag Kantate. Mit dem Chor Schalom natürlich und John Rutters „The Lord bless you und keep you“ und mit dem Posaunenchor und vielleicht dem Tango afferado über der Melodie von „Von Gott will ich nicht lassen.“

Das war für mich in den Jahren hier in Rottendorf schon immer ein ganz besonderes Geschenk, was hier in einer doch relativ kleinen Gemeinde an Kirchenmusik möglich war. Neben Chor und Posaunenchor gleich 3 hervorragende Organisten, die kleine Band, die sich alle Jahre wieder zum Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden zusammengefunden hat, über acht oder neun Jahre hin die Friedensspatzen, mit ihren mitreißenden Musicals, in den letzten Jahren die Musiker die sich zur Band für die Lobpreisgottesdienste zusammenfinden.

Jetzt mussten wir uns überlegen, ob man überhaupt singen darf im Gottesdienst und wenn ja, wieviel und ob das mit Mund- / Nasebedeckung geht …

Immerhin: ein klein wenig singen dürfen wir miteinander und Frau Birk kann die Orgel spielen. Und es ist ja auch interessant zu beobachten, dass gerade auch in dieser Coronakrise Musik in vielerlei Weise eine stärkende und tröstende Rolle spielt: Balkonkonzerte in Italien und Choralblasen auf den Balkonen bei uns, Verabredungen zur gleichen Zeit: „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen, gestreamte Konzerte…

Nicht umsonst hat Martin Luther geschrieben: „Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht.“

Musik, Gesang kann die Hoffnung wieder wecken. Und das geschieht im gemeinsamen Singen sozusagen von außen nach innen. Wir müssen nicht erst tief und fest glauben, um in das Gotteslob einzustimmen, nein, wir können mitsingen, können einstimmen, damit wir im Singen glauben lernen, damit unsere Hoffnung und unsere Zuversicht wachsen. Gerade auch in Zeiten, in denen uns zunächst gar nicht nach singen zumute war.

Das ist in unserem heutigen Predigtabschnitt in gewisser Weise auch so. Beschrieben wird die Einweihung des Tempels in Jerusalem zur Zeit des Königs Salomo. Mit viel Prunk und noch mehr Musik wird die Bundeslade, Zeichen der Gegenwart Gottes während der Wanderung durch die Wüste auf dem Weg ins verheißene Land, in den Tempel geleitet. Doch aufgeschrieben wurde der Text in dieser Fassung etliche Jahrhunderte später, als eine andere Wüstenerfahrung hinter dem Volk Israel lag. Die Niederlage gegen die Babylonier und die Verschleppung eines großen Teils der Oberschicht nach Babylon. Und gerade darum malt die Chronik ein so wunderbares Bild von einer Situation, die von Musik und Gesang, von Jubel und dem Lobe Gottes erfüllt ist: Das alles soll die Hoffnung der kleinen Schar verbannter Juden im Exil stärken.

Schauen, hören wir noch einmal genauer hin, was da geschieht im Tempel: zahlreich Sänger und Bläser erheben ihre Stimmen, Zimbeln, Harfen und Saitenspiele erklingen und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn.

Die ganze Vielfalt klingt zusammen im Lob Gottes. Wenn es gut geht, dann ist das im Leben einer Gemeinde auch so. Jeder spielt sein Instrument, singt seine Stimme, bringt seine Gaben und sein Ideen ein. Zusammen klingt es viel interessanter, voller, lebendiger als wenn nur einer sänge oder musizierte und dann gibt es manchmal solche Momente, in denen plötzlich etwas spürbar, sichtbar, hörbar wird von der Gegenwart und Herrlichkeit Gottes.

Machen können wir solche Momente mit all unserem Tun nicht. Wir kennen das ja auch, dass wir uns recht mühen, um etwas auf die Beine zu stellen oder um eine Gruppe oder Aktivität in der Gemeinde vor dem „Aus“ zu retten, aber trotz aller Mühe funktioniert das dann doch nicht. Ich denke z.B. an unsere Bemühungen um die Erhaltung der „Friedensspatzen“, die Werbeaktionen dafür, um die Hedda Siedler sich gekümmert hat, den Förderverein eigentlich auch vor allem dafür gegründet, in den Lieselotte Müller viel Zeit investiert hat…

Ein andermal aber fügt sich vieles zusammen, wie bei unserem Gemeindefest und Posaunenchorjubiläum im letzten Herbst, mit 30 Bläsern im Chorraum und 200 Besuchern in der Kirche, mit Clown und singenden Kindergartenkindern.

Oder beim Jugendgottesdienst im Februar, wo mir innerlich schon mal ein wenig bange war, ob wir ein Team von Jugendlichen zusammenbekommen und dann saßen da plötzlich zehn, zwölf Jugendliche in der Runde mit Daniel Klein und mir, bunt gemischt: aktuelle und letztjährige Konfirmanden, etliche Jugendliche, die eher in der City Church unterwegs sind, aber sich dann doch auch hier mit einbrachten. Es wurde ein spannender und auch gut besuchter Gottesdienst.

Oder wenn wir uns in den letzten Jahren im November im Wasserschloss zusammenfanden zu „Was uns trägt“. Da liest ein Konfirmand die Schöpfungsgeschichte, der zweite Bürgermeister das Gleichnis vom barmherzigen Vater, die Leiterin des Jugendzentrums die Verheißung Gottes an Abraham, eine Kirchenvorsteherin Worte aus der Bergpredigt, der katholische Pfarrer die Ankündigung der Geburt Jesu an Maria… alles jeweils nur gerahmt von ein paar Sätzen, was die einzelnen mit diesem Bibelabschnitt verbinden, und da kommt etwas zum Klingen in diesem Raum, Gottes Wort kommt zum Klingen.

Wie gesagt: Wir können das nicht machen, wir haben es nicht in der Hand, auch wenn wir natürlich manches dazu tun, planen, schaffen…

In unserem Predigtabschnitt klingt es noch ein Stück radikaler: Da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten, wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes. Das ist schon eine humorvolle theologische Pointe: Wo Gott anwesend ist, müssen die Priester Pause machen. Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige…

Die Schlichtheit der Lade und Gottes Gegenwart in der Wolke unterbrechen die Feier. Das warnt uns davor, uns mit unserem gut gemeinten Betrieb um uns selbst zu drehen.

Und die Gegenwart Gottes in der Wolke verweist zurück auf die Wüstenzeit. Gott erscheint wie einst am Sinai, wo er in einer Wolkensäule vor dem Volk Israel herzieht, um sein Volk zu führen. Das war eine Zeit, in der das Volk immer wieder lernen musste aufzubrechen und von Tag zu Tag neu Vertrauen zu fassen zu seinem Gott. Das Manna ließ sich nicht auf Vorrat sammeln.

Tag für Tag neu Vertrauen fassen zu Gott, Schritt für Schritt weitergehen auf unserem Weg, das ist wahrscheinlich auch in diesen Tagen nicht das Schlechteste für Gottes Volk, für die Gemeinde Jesu Christi und jeden und jede einzelne von uns.

Amen.

Fürbittengebet

Herr, unser Schöpfer,

du bist der Komponist unseres Lebens.

Lehre uns, das Leben zu singen als Loblied für dich,

dass wir in all unseren Nöten deine Noten, deine Handschrift erkennen, darum rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich.

Herr, unser Erlöser,

du hältst auch die schrägen Töne unseres Lebens aus,

du erträgst die ganze Zerrissenheit unserer Welt.

In deine Hände legen wir, was für uns auseinanderfällt:

die Blüten im Frühling – und die vielen Corona-Toten auf der Welt,

das Zwitschern der Vögel – und die Einsamkeit der Alten in den Heimen.

Den wohltuenden Regen im Mai – und die Trauer über abgesagte Feste. Herr, das alles bringen wir nicht zusammen!

Darum rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich.

Herr, unser Tröster,

 du bist auch in den leisen Tönen:

im Summen der Bienen und im Zwitschern der Vögel,

im Lied der Kinder und im Brummen der Verwirrten,

Wir leben davon, dass du unserer Seele den Klang deiner Schöpfung schickst, dass du den langen Atem der Hoffnung schenkst,

damit wir nicht unter den Sorgen ersticken.

Dein Plan mit uns und mit der ganzen Welt

kommt doch zum Ziel.

Amen.

 

Andacht für den 3. Sonntag nach Ostern – Jubilate, 03. Mai 2020

Wochenspruch: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
2. Korinther 5, 17

Wochenlieder:
EG 110 Die ganze Welt, Herr Jesu Christ
EG 432, 1-3 Gott gab uns Atem

Evangelium: Johannes 15, 1 – 8 (zugleich Predigtwort)

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Eine Kollegin erzählt vom letzten Abend einer Konfirmandenfreizeit, an dem die Mitarbeiter, Jugendliche und Erwachsene, in einer Runde zum Austausch zusammensitzen.  „Was bewegt euch heute Abend?“, ist die Frage, mit der die Runde eröffnet wird. Die einen erzählen von dem Tag auf der Freizeit, von den schönen Erlebnissen, die sie hatten. Andere sind müde und auch ein bisschen gestresst von den Konfirmanden. Dann ist Nele an der Reihe. „Ich bin so froh, dass ich hier mitmachen kann. Mir ist das total wichtig. Ich habe so eine Gruppe gesucht, wo man andere Menschen trifft und in der es um den Glauben geht.“ Dann erzählt sie aus ihrer erst 16-jährigen Lebensgeschichte:

„Meinen Vater habe ich gar nicht kennengelernt. Mit meiner Mutter habe ich mich in den letzten Jahren nicht mehr gut verstanden. Das ist so eskaliert, dass ich freiwillig ausgezogen bin und in einer Wohngruppe gelebt habe. Nicht lange, nur ein Dreivierteljahr, das war eine harte Zeit. Ich wohne jetzt wieder zu Hause, mit meiner Mutter habe ich mich arrangiert. Aber ich habe total gemerkt, wie sehr ich andere Menschen brauche. Also, mit denen ich reden kann und die mich verstehen. Und mir ist aufgefallen, dass mir mein Glaube wichtig geworden ist. Lacht nicht! Das ist so. Als ich so alleine war, da hatte ich das Gefühl, dass ich von jeder Kraftquelle abgeschnitten bin. Kein Mensch, mit dem ich mal beten konnte. Hätte ich gar nicht gedacht, dass mir das so fehlen würde.“

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Woher bekommen wir Kraft zum Leben, zum Fruchtbringen? Manchem fehlt die Gemeinschaft im Gottesdienst und auch sonst in der Gemeinde in diesen Tagen und Wochen vielleicht schon sehr. Immerhin wir können in Verbindung bleiben, im gemeinsamen Gebet auf Distanz, per Telefon, per Post und über die sozialen Medien. Und die persönliche Beziehung zu Jesus, zu Gott, die können wir natürlich auch pflegen im Gebet, beim Lesen der Bibel, mit Radio und Fernsehgottesdiensten….

Dranbleiben, in Beziehung zu Jesus, zu Gott bleiben, das ist wichtig jetzt in Coronazeiten, aber genauso auch sonst, wo uns das im alltäglichen Getriebe und Hamsterrad zwischen Arbeit, Schule, Besuchen, Sport, Veranstaltungen… vielleicht sogar noch leichter verlorengeht als im Moment.

Eine Hilfe dazu ist das Danken. Sich immer wieder vor Augen halten, was Gott uns Gutes getan hat und immer noch tut. Danken, am besten spontan und regelmäßig. Spontan bei einem schönen Regenbogen, nach einem guten Essen, nach einem tiefen Gespräch mit Freunden „Danke Gott, du bist so wunderbar!“
Und auch regelmäßig: Abends ganz bewusst ein Gebet, in dem Sie sich an den Fingern herzählen, was Gott Gutes getan hat. Zum Beispiel, dass wir 75 Jahre Frieden haben; dass wir in einem Staat leben, in dem sich Regierende gut beraten lassen und das Notwendige tun; dass wir genug zu essen haben…

Eine andere Hilfe ist es sich immer wieder einmal zu fragen: Was ist mir wirklich wichtig im Leben?  Worauf kommt es an?

Jesus spricht davon, dass sein Vater die Reben reinigt, damit sie mehr Frucht bringen. Wenn ein Weingärtner seine Reben reinigt, dann geht es um die Steigerung des Ertrags und der Qualität. Es geht um Konzentration. Was Kraftverschwendung ist wird weggeschnitten, damit sich das andere umso besser entwickeln kann.

In Kirchengemeinden kann man sich fragen, ob jede Aktion, jede Veranstaltung, jede Gruppe wirklich zu Gottes Ehre dient, dazu, dass Menschen im Glauben gestärkt werden? Dazu, dass die Verbindung mit dem Weinstock in Fluss kommt und bleibt?

Im persönlichen Leben kann ich mich fragen, was ist eigentlich ein fruchtbares Leben? Die Früchte, die Trauben, die ein Leben aus der Verbindung mit dem Weinstock Jesus hervorbringt, sind sicher erstmal nicht vordergründige Erfolge. Ein fruchtbares Leben in diesem Sinn ist vielmehr ein Leben, das Schätze hervorbringt, die auch anderen dienen. Die Trauben am Weinstock Jesu könnten darum z.B. Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Versöhnungsbereitschaft oder Heilung heißen. Aber warum nicht auch Phantasie, Kreativität und Gemeinschaft. Biblisch ist der Wein und der Weinstock ein Symbol für Fest, für Lebensfülle, für friedvolles und gesegnetes Leben, das jeder „unter seinem Feigenbaum und Weinstock“ führen kann. Und die Früchte am Weinstock Jesu könnten alles sein, was uns und  andere dazu veranlassen kann, Gott zu loben, so wie es uns der Name dieses Sonntags auch nahelegt: Jubilate – Jauchzet Gott, alle Lande!  …Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!

An diesem Sonntag hätten wir bei uns in der Gemeinde Konfirmation gefeiert. Nun ist das Fest auf den Herbst verschoben.  Konfirmation ist ein Fest,  bei dem es ganz besonders um die Festigung, die Bestärkung der Verbindung zu Jesus Christus und zur Gemeinschaft der Glaubenden geht. Oder wie es die Konfirmandengruppe in ihrem eigenen Glaubensbekenntnis ausgedrückt hat um die Verbundenheit mit „der Gemeinschaft der Heiligen, in der man sich gegenseitig hilft und zusammenhält“.

Und wenn wir heute als Gemeinde besonders an unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden denken, dann ist auch das ein Ausdruck für die  Verbundenheit der Christen untereinander, für das Bleiben am Weinstock Jesu Christi.
So spricht Christus uns allen zu:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.
Amen.

Pfarrerin Barbara Renger

 

Glaubensbekenntnis der Konfirmandinnen und Konfirmanden 2020

Ich glaube an einen Gott, blind für Hautfarben, der alle seine Geschöpfe liebt und nur Gutes mit uns im Sinn hat.

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösen, Gutes entstehen lassen kann und will und dass er uns auf unserem Weg nicht im Stich lassen wird.

Ich glaube an Jesus Christus, geboren von einer Frau des einfachen Volks, unseren Erlöser, der sich für uns geopfert hat.

Ich glaube, dass Jesus Christus uns den Weg zu einer Welt im Sinne Gottes zeigen will und die eiserne Herrschaft der Ungerechtigkeit richtet.

Ich glaube an die unerschütterliche Liebe und an die Vergebung Christi.

Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen, in der man sich gegenseitig hilft und zusammenhält.

Ich glaube nicht, dass Kriege unvermeidlich sind und Friede unerreichbar ist.

Ich glaube (vielmehr) an die Auferstehung der persönlichen Würde, der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung und an den endgültigen Sieg der Liebe.

Amen.

 

Gebet für Jubilate (VELKD leicht verändert)

In dir bleiben, Christus.
Die Kraft von dir empfangen. Aus deiner Wurzel leben.
Aufnehmen und weiterreichen, was du uns gibst.
Frucht bringen.
Christus, ohne dich können wir nichts tun.

Du gibst die Kraft. Aus dir strömt sie.
Gib sie denen, die müde sind, die erschöpft sind von Corona,
die sich aufreiben in der Sorge für andere,
deren Mut aufgebraucht ist, die sich fürchten vor dem, was kommt.
Du bist die Wurzel, die trägt.
Erbarme dich.

Du bist der Friede. Du berührst die Herzen.
Verwandle die Hartherzigen, die Kriegsherren und die Lügner.
Heile ihre Opfer. Du bist das Glück für die Schwachen.
Erbarme dich.

Du bist die Liebe. Du machst alles neu. Du bleibst.
Bleib bei den Trauernden, Christus und bei den Liebenden,
denn ohne dich verlieren sie sich.
Du Liebe, sprich zu uns,
zu deiner Gemeinde und zu deiner weltweiten Kirche.
Bleib bei unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden,
dass sie verbunden bleiben untereinander und mit dir.
Bleib bei uns. Christus, ohne dich können wir nichts tun.
Du bist der Weinstock.
Erbarme dich heute und alle Tage, die kommen. Amen.

 

Andacht für den 2. Sonntag nach Ostern – Misericordias domini = Die Güte des Herrn, Sonntag vom guten Hirten, 26. April 2020

Wochenspruch:
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
(Johannes 10, 11a. 27-28a)

Wochenlieder:
EG 274 Der Herr ist mein getreuer Hirt
EG 358 Es kennt der Herr die Seinen

 

Psalm des Sonntags (Psalm 23)

1 Der HERR ist mein Hirte,

     mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue

     und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele.

     Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

     fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

     dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch

     im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

     und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

     und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Dieses Vertrauenslied ist gewiss einer der bekanntesten Psalmen überhaupt. Viele von uns haben ihn einmal auswendig gelernt. Einzelne Verse daraus werden immer wieder gerne gewählt als Tauf-, Konfirmations- oder Trauspruch. Und zahlreiche Melodien sind dazu geschrieben worden. Das alles ist gewiss kein Zufall. Denn die Bilder dieses Psalms sprechen uns unmittelbar an. 

In ganz sinnlichen Bildern spiegelt der Psalm die Fülle des Lebens, die Gott uns schenkt. Man sieht sie richtig vor sich, die grünen saftigen Wiesen und den reich gedeckten Tisch, man hört das Rauschen und Plätschern des Wassers, riecht den Duft von Salböl und spürt die sanfte Berührung damit auf der Haut.

Reich sind wir beschenkt mit dem, was wir Tag für Tag zum Leben brauchen: Essen und Trinken, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, andere Menschen, mit denen wir reden und singen, lachen und weinen können – wenn auch derzeit nur auf Distanz. Vieles bereichert unser Leben, dass vielleicht nicht unbedingt überlebenswichtig ist, nicht auf den ersten Blick „systemrelevant“,  was aber einfach schön ist, der Seele gut tut und das Leben erst lebenswert macht, Musik, Blumen, Kunst in jeder Form, Sport …

Andererseits blendet dieser Psalm aber auch die dunklen Seiten und Zeiten unseres Lebens nicht aus. Vom finsteren Tal ist die Rede, in manchen Übersetzungen vom Tal der Todesschatten und von Feinden, die den Beter verfolgen. Aber in all dem fühlt sich der Psalmdichter doch nicht verlassen, sondern geborgen und geschützt bei Gott. Und das ist ja eine Erfahrung, die Menschen – Gott sei Dank- immer wieder machen dürfen, dass ihnen, wenn sie etwas Schweres durchmachen müssen, eine Kraft und ein Vertrauen zuwächst, die sie an sich selbst vielleicht noch gar nicht gekannt haben, oder dass ihnen unsichtbar oder vielleicht auch ganz sichtbar und greifbar, in menschlicher Gestalt jemand zur Seite steht.

Oft ist der 23. Psalm wohl auch selbst für Menschen in der Bedrängnis zu so einem Halt und Trost geworden, zu einer letzten Brücke vielleicht hin zu Gott, mitten im Ringen und in der Auseinandersetzung mit ihm. An und in vielen Kranken – und Sterbebetten ist dieser Psalm wohl gebetet worden, und es wird berichtet, dass selbst in den höllischen Vernichtungslagern des letzten Jahrhunderts Menschen mit diesen Worten auf den Lippen gestorben sind.

Trotz all dem kann sich in uns auch Widerstand regen gegen dieses vertrauensselige Lied.  „Ich bin doch kein Schaf“, sagt vielleicht jemand. „Kein dummes Schaf, das einfach mit der Herde mittrottet und sich füttern lässt.“ Ein erwachsener Mensch muss doch selbst Verantwortung übernehmen für sein Leben, muss selber denken, selber entscheiden, selber handeln. Und lammfromm einfach alles über mich ergehen lassen, das will ich doch auch nicht.

Da finde ich es sehr spannend, dass die biblischen Texte, die vom guten Hirten, von den Hirten und von den Schafen sprechen durchaus schillern. Petrus wird vom Auferstandenen  zum Hirten eingesetzt: Weide meine Lämmer. Beim Propheten Hesekiel prangert Gott die fehlende Sorge der Hirten an, die sich nicht um die Herde kümmern und verspricht ihrer sich selbst anzunehmen. Und Jesus, der gute Hirte, ist selber Lamm, das Lamm das zur Schlachtbank geführt wird, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Und wird gerade so zum Hirten unserer Seelen.

Wir sind auch Hirtinnen und Hirten füreinander, sollen Hirten und Hirtinnen füreinander sein. Der Trost im finsteren Tal – das ist ja vorhin schon angeklungen, der kommt auch ganz oft von Menschen, die sich eben Zeit für andere nehmen, und vielleicht viel Kraft und Phantasie aufwenden, um so manchem Mangel abzuhelfen, der Menschen auf dieser Erde eben doch immer wieder quält.

Aber der Psalm hilft uns da, ein weniger tiefer zu blicken und zu fragen: „Woher haben wir die Kraft, etwas zu schaffen, oder unsere Phantasie, mit der wir neue Lösungen für schwierige Probleme entwickeln können? Woher haben wir Ohren, die zuhören, oder starke und zärtliche Hände, die zupacken und trösten können?“

Dietrich Bonhoeffer hat einmal geschrieben: „Man überschätzt leicht das eigene Wirken und Tun in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man durch andere geworden ist.“ Und an anderer Stelle: „Im normalen Leben wird es einem gar nicht bewusst, dass der Mensch unendlich mehr empfängt als er gibt, und dass Dankbarkeit das Leben erst reich macht.“

In der betenden Betrachtung des 23. Psalms kann solches Bewusstsein in uns wachsen, und damit auch unser Vertrauen ins Leben, unser Vertrauen in Gott. Ohne solches Vertrauen – das kann man heute in jedem Lehrbuch der Psychologie nachlesen – könnten wir unsere Aufgaben im Leben gar nicht verantwortlich wahrnehmen. Solches Vertrauen erst macht uns fähig uns zu öffnen, auf andere zuzugehen und unser Leben mit ihnen zu teilen. Und dieses Vertrauen ist es auch, das uns in schweren Zeiten noch durchträgt und uns die Kraft schenkt, im Dunkeln nach der Hand dessen zu tasten, der uns führen und trösten will. 

Pfarrerin Barbara Renger

 

Gebet (VELKD leicht verändert)

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Sind wir wie irrende Schafe?
Wir sehnen uns danach, den Weg zu kennen.
Du weißt ihn. Zeig uns den Weg.
Zeig ihn denen, die uns regieren,
die über uns bestimmen, die unser Wohl wollen.

Bringe uns auf den richtigen Weg.
Erbarme dich.

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Wir sind gefangen in unserer Sorge.
Du siehst die Ängste der Welt.
Schau auf die Menschen, die keinen Ausweg sehen –
auf der Flucht, in Lagern, im Krieg.
Schau auf die Menschen, die kein Zuhause haben,
wo sie Schutz finden.
Und schau auf die, für die der Schutzraum zur Gefahr wird.

Steh ihnen bei und trage sie auf deinen Schultern.
Erbarme dich.

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Siehst du den Glauben?
Siehst du die Hoffnung?
Unsere muslimischen Nachbarn im Ramadan. Unsere Geschwister in der Ferne. Unsere Gemeinde, deine Kirche.
Dir vertrauen wir, denn du bist bei uns,
bei dir wird uns nichts mangeln.

Bereite uns den Tisch und bleib bei uns.
Erbarme dich, heute und alle Tage.
Amen.

Andacht für Sonntag, Quasimodogeniti, 19.04.2020

Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1. Petrus 1, 3)

Evangelium: Johannes 20, 19-29

Wochenlieder: 
EG 108 Mit Freuden zart oder
EG 117 Der schöne Ostertag

Predigtwort – Jesaja 40,26-31

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 „An die müde Gewordenen“ – so könnte die Überschrift für das heutige Predigtwort heißen. „An die Überforderten“ oder auch „An die, denen alles zu viel wird“. Es gibt so Zeiten im Leben. Jetzt – in Zeiten von „Corona“ – und auch sonst:
Im Fernsehen war das Bild einer italienischen Krankenschwester zu sehen: wie sie völlig erschöpft über einem Berg Krankenakten eingeschlafen war. Es war zu viel. Die Aufgaben übersteigen ihre Kräfte.

Da ist eine Frau, die ihren Mann jahrelang gepflegt hat. Zuletzt hatte er nur noch gelegen. Nun ist er tot, schon seit einer Weile. Eine Erlösung sei es gewesen, sagen die Kinder, und meinen damit: nicht nur für den verstorbenen Vater, sondern auch für die durch die Pflege belastete Mutter. Aber seltsam: Nun, von der Last der Pflege befreit, gelingt es der Mutter doch nicht recht, zurück ins Leben zu finden. Die Trauer, aber vor allem die Erschöpfung hält sie gefangen.

Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

Da ist ein junger Mann, Single, Mitte dreißig. Sein Beruf fordert ihn total. Er weiß: „Ich kann mich glücklich schätzen, diese tolle Stelle gefunden zu haben. Die Geschäfte laufen gut.“ Aber ständig diese Überstunden bis spät in den Abend hinein! Sogar am Samstag fährt er ins Büro. Nach einem freien Wochenende lechzt er wie ein Ertrinkender nach dem Rettungsboot. Wenn er mal frei hat, schläft er bis Mittag und verbringt den Rest des Tages vor dem Fernseher. Für Sport, Hobbies, Freunde hat er einfach keine Energie mehr.

Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

  „Ist Gott unserer müde geworden?“ fragen die Israeliten, die aus ihrer Heimat ins babylonische Exil verschleppt wurden. Fast 50 Jahre leben sie nun schon hier. Viele haben sich abgefunden mit der Situation, wie sie nun einmal ist. Viele haben resigniert. „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber“, so sagen sie. Gott kümmert sich nicht mehr um uns. Manche liebäugeln mit den Göttern der Babylonier, haben sie sich nicht als stärker erwiesen?

Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

 Nicht hinaus schauen können über die Trauer, über die Sorgen, die Isolation, über den Alltag, der mich fest im Griff hat und gefangen hält. Nicht hinausschauen können über meine engen Grenzen. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der das nicht schon in irgendeiner Form erlebt hätte. Was hilft dann?

Der von Gott gesandte Prophet redet geduldig, liebevoll, geradezu zärtlich mit dem müden Volk. „Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht: Den Sternenhimmel. Wer hat das alles geschaffen? Dein Gott führt das Heer der Sterne vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen. Seine Macht und seine Kraft sind so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.“

Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen weit hin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Wie eine Mutter, die tröstend und beruhigend ihr Kind in den Schlaf singt, so redet der Prophet mit dem müden und ermatteten Volk. Er spannt den ganzen Sternenhimmel auf über den Israeliten und lenkt damit ihren Blick aus ihrem zermürbenden und ermüdenden Alltag hin auf Gott, den Herrscher über den ganzen Kosmos, der sich doch wunderbarer Weise eines jeden Menschenlebens annimmt: Kennt auch dich und hat dich lieb.

„Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt.“ Er ist auch deiner nicht müde geworden, auch wenn es dir manchmal so scheinen mag. Bei ihm bist du gut aufgehoben. Ihm bist und bleibst du wichtig.

Das hören zu dürfen, tut gut, wenn ich müde bin und nicht mehr hinaussehen kann. Solcher Zuspruch, der hilft den Blick zu heben, mehr als alle gut gemeinten Appelle. Ja, der führt meinen Blick geradezu automatisch weg von mir, von meiner Enge und Kraftlosigkeit hin zu dem, von dem wirklich neue Kraft kommen kann: „Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Ein kraftvolles, stärkendes Bild stellt Gott seinem Volk durch den Propheten nun in einem zweiten Schritt vor Augen. Ein Bild, das die lange schon vergrabenen Hoffnungen und Sehnsüchte wieder zum klingen bringt. Ein Bild, das die Seele zu berühren und zu beflügeln vermag: dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. 

Wir haben Ostern gefeiert. Wir haben von der Auferstehung Jesu gehört, vom Sieg des Lebens über den Tod. Und doch wird es immer wieder Zeiten geben in unserem Leben, in denen wir nicht hinaus schauen können über uns, über unsere Kraftlosigkeit und unsere Zweifel.  Was hilft dann?

„Seht, den Sternenhimmel! Seht die Sonne nach langer Nacht! Seht, das frische Grün und die Blüten an einem Frühlingstag. Wer hat das alles geschaffen?“

 „Kennt auch dich und hat dich lieb!“

„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Der Anblick der wunderbaren Schöpfung, tröstende Worte, stärkende Bilder und Rituale, dringen durch Trauer und Fragen hindurch, berühren die Seele, schenken eine neue Perspektive, öffnen den Blick für Gottes belebende Kraft. Das haben Menschen immer wieder erfahren.

Freilich funktioniert das nicht einfach so auf Knopfdruck.

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, lesen wir bei Jesaja. Harren – das ist ein altes Wort. Dieses Harren lässt sich gut übersetzen mit „vertrauen und warten können“.

Jesaja macht Mut zum langen Atem, zur Geduld, die uns ja auch in diesen Tagen empfohlen wird.

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. Das wird uns versprochen: Harre aus, hab Gottvertrauen, warte ab, sei geduldig mit dir und mit deinen Mitmenschen. Es wird die Zeit kommen, dass du spürst: Jetzt hat Gott mich aufgerichtet!

Im Evangelium des Johannes wird diese Erfahrung beschrieben: Aufgerichtet werden, Auferstehung – das ist, wenn Jesus in unser Leben voller Furcht, in unsere Isolation, in unsere abgeschlossenen Wohnungen tritt:

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

Vielleicht anders als erwartet tritt Gott in unser Leben. Und doch so, dass wir neu gestärkt werden. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.

Pfarrerin Barbara Renger

 

Gebet für den 1. Sonntag nach Ostern (Quelle VELKD)

Christus, du Auferstandener,
unsichtbar in unserer Mitte. Zu dir beten wir.

Du bist das Leben.
Du hast dem Tod die Macht genommen.
Doch wir erleben,
wie der Tod immer noch nach uns greift.
Wir bitten um
dein Leben für die, die gegen den Tod ankämpfen,
dein Leben für die, die dem Tod ausgeliefert werden,
dein Leben für die, deren Kräfte versiegen.
Nimm uns die Angst. Schenk uns Glauben.

Christus, du Auferstandener.
Du bist das Leben.
Du schenkst den Frieden, der die Welt überwindet.
Doch wir erleben, wie weiter Unfriede herrscht.
Wir bitten um
deinen Frieden für die Menschen in Syrien,
deinen Frieden für alle, die eingesperrt und bedrängt werden,
deinen Frieden in unseren Häusern und Familien,
in unserer Nachbarschaft, in unserem Land.
Nimm uns die Angst. Schenk uns Frieden.

Christus, du Auferstandener.
Du bist das Leben.
Du gibst den Müden Kraft.
Du lässt uns aufatmen.
Wir danken dir für den Atem,
für die Menschen an unserer Seite,
für den Glauben und dein Wort.
Dir vertrauen wir diese Welt an. Dir vertrauen wir uns an.
Du bist das Leben. Halleluja. Amen.