Andacht für den 1. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2020 von Johannes Gortner

Liebe Gemeinde,

kürzlich hat mir bei einem Klassentreffen ein ehemaliger Mitschüler aus seinem Berufsleben erzählt. Er war Richter an einem Amtsgericht und konnte uns mit einigen lustigen Fällen aus seinen Erfahrungen unterhalten.  Das hat mich an die Fernsehserie “Das königliche bayerische Amtsgericht” erinnert.  Das Überraschende war jedoch der Hinweis, dass die Mehrzahl der Akten auf seinem Schreibtisch keine kriminellen Straftaten enthielten, sondern Klagen um Geld, Hab und Gut.  Beim Geld hört die Freundschaft und da verklagt eben ein Nachbar den anderen, weil er seine Garage um ein paar Zentimeter zu nahe an seinem Grundstück gebaut hat.  Ein anderer fühlt sich bei einem Autokauf übervorteilt.  Und wir kennen ja die verärgerten Drohungen wie “Der gehört angezeigt…!” oder “Die ziehe ich vor das Gericht…!” aus den alltäglichen Unterhaltungen.  Wenn wir unser Besitz, unser Hab und Gut bedroht sehen, werden wir sehr empfindlich.  Das ist verständlich. Wie viel Zeit, Kraft, Strebsamkeit, ja Lebensenergie investieren wir um zu Besitz, Wohlstand und materielle Sicherheit zu kommen.  Und haben wir schließlich ein beruhigendes Niveau erreicht und genießen die Früchte der Arbeit, dann beginnen Sorge und Angst mit ihrem Werk – es könnte alles verloren wieder verloren gehen- : “Hoffentlich geht der Euro nicht kaputt, hoffentlich macht meine Firma nicht pleite! ”  Gerade die wirtschaftlichen Folgen bei der Bewältigung der Coronakrise lassen diese Sorgen und Ängste für viele schmerzhaft real werden.  Kurzarbeit, das Sparkonto schmilzt, Arbeitslosigkeit droht.  Die Armut bläht sich wie Schreckgespenst am Horizont auf.

Ja, es stimmt. Es gibt in unserem so reich erscheinenden Land viele, zu viele arme Menschen. Auch ohne Coronakrise. Jedes 7. Kind ist  armutsgefährdet. Das ist ein Skandal! Dieser Tage beobachte ich vor dem Supermarkt einen älteren Mann – auf den ersten Blick wirkt er ordentlich gekleidet – wie er aus der Abfalltonne leere Flaschen holt um sie dann gegen Geldbons an der Kasse einzutauschen. Warum hat er das nötig?  Wahrscheinlich ist seine Rente zu klein, “zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben?”  Und die Kluft zwischen reich und arm wird immer größer mund tiefer.  Welche Ungerechtigkeit!

Wie gehen wir mit der Armut um?  Diese Frage ist wahrhaftig nicht neu. Sie hat auch die ersten frühen Christengemeinden bewegt. Auch unter ihnen gab es wohlhabendere und ärmere, notleidende  Menschen.  Das durfte aber nicht sein, wenn sie in der Nachfolge Jesu leben, am Bau des Reiches Gottes mitwirken wollten.

Sie erinnerten sich an das Gebet Jesu, als er Abschied von seinen Jüngern nahm und Gott bat, “dass sie alle eins seien.” (Joh. 17, 21).  Und hatte nicht Jesus den Ruf, der “Heiland der Armen” zu sein? Hatte er nicht gesagt:  “Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins das Reich Gottes kommt” (Mt. 19,24)?  Also setzte die junge Gemeinde, wie uns der Evangelist Lukas beschreibt, ihren Glauben herzhaft in die Tat um. Sie brauchte dazu kein politisches Programm zur Armutsbekämpfung. Sie bauten auf etwas anderes, mächtigeres, das sie bewegte, nämlich den Heiligen Geist.

Ihn hatte der Apostel Petrus in einer begeisternden Rede an die Gemeinde verheißen hatte: “Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes” (Apostelgeschichte des Lukas 2, 38). In diesem Geist lebten sie miteinander. Lukas beschreibt  ihr Zusammensein  so: “Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.” (Apostelgeschichte des Lukas 2,42).

Nun hören wir einen Abschnitt aus dem 4. Kapitel der Apostelgeschichte des Lukas in den Versen 32-37 über die Armutsbekämpfung der frühen Christengemeinde: Er liegt dieser Predigt zugrunde:

32: Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

33: Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

34: Und es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte

35: und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

36: Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes – , ein Levit, aus Zypern gebürtig,

37: der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Bewundernswert ist diese solidarische Gütergemeinschaft der ersten Gemeinde. Wie konsequent und mutig diese Christen ihren Glauben in die Tat umgesetzt haben und zwar in einem Bereich, wo es erfahrungsgemäß besonders weh tut: wenn es sich um das Eigentum, den Besitz, den Wohlstand handelt,  oder kurz und knapp:  wenn es an den Geldbeutel geht ! Da hören oft die schönsten Sonntagsreden  und Bekenntnisse auf.  Wer so handelt, sein Eigentum der Gemeinschaft anvertraut, der muss seine Ängste vor Verlust und wirtschaftlicher Unsicherheit überwinden können. Dies sind oft richtige Existenzängste. Sie zu besiegen zu können, dazu braucht es eine große Portion Kraft zur Selbstüberwindung und zum Loslassen-Können dessen, was einem im Leben oft so wert und teuer geworden ist. Diese Christen haben ihre Kraft aus dem Glauben an die Auferstehung Christi gewonnen. Dem Tod ist die Macht genommen und wir müssen die Saaten des Todes aus unseren Herzen und aus unserer Gemeinschaft entfernen. In diesem Geist lebten sie zusammen. Die Saaten des Todes sind Egoismus, Ausnützung anderer Menschen um den eigenen Wohlstand zu gewinnen und zu mehren, das sind Habsucht und Raffsucht und Neid und…und …und…Wie ihnen dieses Glaubensprojekt gelang, ist wirklich bewundernswert.  

Natürlich liegt es nahe, den Idealismus der ersten Christengemeinden der Begeisterung des Anfanges zuzuschreiben. Darauf folgt ja im Allgemeinen die  Phase Ernüchterung und die “Abnutzung des Reifenprofils”. Das lehrt die Geschichte der Kirche. Wir leben heute in einer ganz anderen Situation, aus unserem ökonomischen System können wir nicht so einfach aussteigen und die Uhr der Zeit auf  Anfang zurückstellen. Richtig. Aber dieser Geist der solidarischen Gütergemeinschaft wurde in den klösterlichen Ordengemeinschaften und, zum Beispiel, in den christlichen Landwirtschaftskommunen der Mennoniten und der Amishgemeinden in den USA  lebendig erhalten werden.  

Doch in einem bleiben wir mit den ersten Christen und der Botschaft Jesu verbunden.  Das ist ein Auftrag, der bis heute gilt. Er heißt Einsatz für die armen Menschen unter uns.  Jesus ist in die Armut hineingeboren worden und das ist seine  Auftrag für uns: kümmert euch um sie.  Heute sieht Armut anders aus als damals.

Das Bild des verlumpten Lazarus aus dem Lukasevangelium, das uns mit seiner ganzen Erbärmlichkeit ins Auge springt, muss für heute redigiert werden. Armut in unserem Lande ist heutzutage oft verdeckt.  Von Armut bedrohte Kinder unter uns leiden oft weniger an Hunger oder Obdachlosigkeit. Aber sie sind schlecht und einseitig ernährt, weil es der alleinerziehenden Mutter einfach an Geld für gesunde Lebensmittel fehlt.  Das heißt, dass sie schon mit angeschlagener Gesundheit aufwachsen. Sie können nicht mit den Eltern in die Ferien fahren, nicht an Klassenfahrten teilnehmen, erhalten keinen Musikunterricht, den Sportverein können sie sich nicht leisten. Diese Kinder sind nicht in der Lage an einem förderlichen kindgemäßen sozialen Leben teilzuhaben. Sie erleben sich als Ausgegrenzte, als Außenseiter. Die Gefahr ist groß, dass sie nie mehr herauskommen aus diesem Teufelskreis und ihr Leben lang Teil des sog. Prekariates bleiben.

Und die Armut der Erwachsenen?  Sie beginnt, nach einer amtlichen Definition dann, wenn jemand weniger als 60 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens zum Leben hat. Das sind gegenwärtig 1035 € im Monat. Und die Mieten steigen und steigen.  Es ist “zu wenig zum Leben und zu wenig zum Sterben”.In die Armutsfalle zu geraten.  kann schnell gehen. Längere Arbeitslosigkeit,  dauerhafte Beschäftigung im Niedriglohnsektor, der bei uns erschreckend groß ist, Scheidung, chronische Erkrankungen, der Ursachen für die Armut gibt es also viele und sie lauern überall.  Solche abfälligen Sprüche wie “selber schuld” oder  “wie man sich bettet, so liegt man” oder “Jeder ist seines Glückes Schmied” sind selbstgerecht und zynisch.  Wir sollten ihnen widersprechen, wenn wir sie hören. 

Wer von uns mehr über die Armut in Würzburg erfahren will, der sollte mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Bahnhofsmission reden. Sie können aus ihrer Arbeit von erschütternden Schicksalen berichten.

Das Diakonische Werk Würzburg – die Diakonie ist unser evangelisches Sozialwerk – bietet mit der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit eine wichtige Beratungsstelle für Menschen in sozialen Notlagen an. Das Ziel ist die “Hilfe zur Selbsthilfe”. Diakonie und Caritas sind gemeinsam verantwortlich für  die Christophorus-Gesellschaft in Würzburg. Sie bieten dort, z.B., eine gemeinsame Schuldnerberatung an oder Hilfen für die Wiedereingliederung von Strafgefangenen nach der Haftentlassung.  Wir können diese hochqualifizierten kirchlichen Werke im Dienste der Armutsbekämpfung mit unseren Spenden unterstützen.  

Jesus beginnt seine Feldrede im Lukasevangelium mit einer Verheißung.

Er sagt: “Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.” (Lk. 6,20).

Es liegt auch an uns, an unserer Nächstenliebe, dass aus dieser Verheißung für die Armen unter uns ein lebenswertes Leben wird.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.