Andacht für den 6. Sonntag nach Ostern – Exaudi, 24. Mai 2020 von Johannes Gortner

Friedenskirche Rottendorf Jer. 31, 31-34 

Eingangslied Nr.  444, 1-3: Die güldene Sonne
Psalm 27, Nr. 744, S. 1282
Lied Nr. 136, 1+2+7: O komm du Geist der Wahrheit

Evangeliumslesung: Joh. 16, 5 – 15 

 

Liebe Gemeinde,

vor kurzem wurde ich zu einer Silbernen Hochzeitsfeier eingeladen. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn ich hatte das Jubelpaar vor 25 Jahren getraut.  Die Einladung trug die Überschrift: wir, Rainer und Inge, feiern und erneuern unseren Ehebund und laden Euch herzlich dazu ein.  Der Höhepunkt des Festes war der Gang der der Festgesellschaft zu einer alten Eiche im nahegelegenen Wald. Dort hatte das damals junge Paar ein Herz in die Rinde geschnitzt.  Das Herz als Symbol ihrer Liebe.  Und siehe da: das Herz war zur Freude aller noch zu erkennen!  Das gab ein fröhliches Hurra! Heute hängen die jungen Paare eher Schlösser an Brückgeländer um ihre Liebe zu bekunden. Manchmal denke ich dabei: hoffentlich werden daraus keine Luftschlösser. Ja, viele schaffen es nicht, ihre Liebe lebendig und frisch zu erhalten, so wie bei Rainer und Inge. Der Ehebund hält nicht. Da bleiben dann oft gebrochene und gekränkte Herzen zurück.

Um einen ganz anderen Bund geht es um den heutigen Predigttext aus dem Alten Testament.  Den Bund einer dramatischen Geschichte zwischen Gott und dem Volk Israel. Erinnern wir uns: Gott hat das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten heraus in die Freiheit geführt. Dazu hat er ihm ein Land als neuen Lebensraum geschenkt.  Die Israeliten  verpflichteten sich, künftig Gottes Willen zu achten, ihm die Ehre zu geben und miteinander rücksichtsvoll und fair umzugehen, also eine solidarische Gesellschaft zu sein. Diesen Bund zwischen Gott und dem Volk besiegelten die 10 Gebote.  Er war fast wie die Beschreibung eines rechtlichen Vertrages. Aber dann ging es halt immer menschlicher und allzu menschlich im Volk zu. Nicht mehr das Gesetz Gottes bestimmte Handel und Wandel, sondern Betrug, rücksichtsloses Gewinnstreben und dazu neigten die Israeliten dazu, fremde Götter anzubeten, die ihnen mehr materiellen Wohlstand verhießen. Da trat Prophet Jeremias im Namen Gottes auf. Wir sind im 7. Jahrhundert vor Christus. Er war ein sensibler Mann, erlitt unsäglich unter dem Verhalten seiner Landsleute. Deshalb wurde er später der “weinende” Prophet genannt. Er prophezeite, dass Israel seines Landes als Strafe  Gottes beraubt würde, wenn es sich nicht ändert. Dafür wurde er als Landesverräter ins Gefängnis gesteckt. Und die Drohung wurde wahr: Israel wurde von den Assyrern unter König Nebukadnezar besetzt und die Oberschicht wurde nach Babylon deportiert.  Der Tempel zerstört. Doch die Unheilsverkündung blieb nicht das letzte Wort des Propheten und nicht das letzte Wort Gottes.  

Wir hören Jeremia 31, 31 – 34: Lesung…

Jetzt wird ein anderer Ton angeschlagen im Konflikt, im Streit zwischen Gott, Jeremia und dem Volk, das einen Irrweg eingeschlagen hat. Keine Strafandrohung,  kein Appell an den Gehorsam, keine Vorhaltungen mehr. Damit erreicht  man bei den Leuten in der Regel gar nichts. Gott entscheidet sich durch den Mund des Propheten anders: “Siehe, es kommt die Zeit, da will ich mit Israel einen neuen Bund schließen.” Das klingt verheißungsvoll. Tröstlich. Da klingt eine neue, bessere Zukunft an.

Und nun  gilt der neue Bund nicht allein für die Geschichte dieses antiken Volkes im Dunkel der Geschichte, sondern wir Heutigen sind damit gemeint, mit einbezogen. Gott stellt die Beziehung auf ein neues Fundament:  “Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.” 

Wenn mich etwas in meinem Herzen berührt, das erlebe ich ganz intensiv. Das bringt mehr Saiten in mir zum Klingen als das, was die nüchterne Sprache des Verstandes mir mitteilt. Es rührt meine Gefühle an. Das kann ein Erlebnis in der Natur sein, ein Lied, ein gutes Wort,  eine Berührung, die gut tut, ja, natürlich, das Erlebnis der Liebe zu einem anderen Menschen. Wenn mich etwas in meinem Herzen berührt, dann fühle ich mich lebendig und ich möchte es ganz festhalten, in mir verankern. So ist es, wenn Gott sein Wort  in das Herz und den Sinn eines Menschen schreibt. Diese Inschrift ist wie ein neues Skript, das sagt: Hey, es ist nicht alles so, wie du immer denkst! Lies´ dich selbst,  deine Mitmenschen, dein Leben und auch deinen Gott mit neuen Augen.  Du musst dich nicht mehr von deinen Sorgen und Ängsten mürbe machen lassen. Vertrau deinem Herrgott, er sorgt für dich. Stell´ es ab, dass dich laufend die Idee wurmt, du seiest im Leben zu kurz gekommen und den anderen geht es immer besser als dir selbst. Schau´ auf das Gute, das dir geschenkt worden ist. Hör´ auf darüber zu grübeln, was dir anderen Menschen angetan haben. Vergib ihnen,  so wie du möchtest, dass dir auch vergeben wird.  Hilf´ anderen Menschen, wenn sie dich brauchen und achte nicht mehr darauf, was du selbst von der guten Tat hast. Tue es, ohne Berechnung.  Das ist das Gesetz Gottes. Es ist kein einengendes Gesetz, sondern eine Befreiung von irreführenden, belastenden Gedanken und Vorstellungen. Eine Befreiung, deren Erfahrung einem das Herz aufschließen kann. Der neue Bund, den Gott anbietet, ist kein juristisches Vertragswerk, sondern es ist ein Geschenk. Das Geschenk der Geborgenheit in Gott und seiner  Treue. Wer das erfährt, dem geht das Herz auf und er kann davon ein Leben lang zehren. 

In diesen Tagen der Erinnerung an das Ende des 2. Weltkrieges erinnere ich mich an viele Erzählungen, die ich von Menschen, die als Soldaten oder als Flüchtlinge und Ausgebombte den Krieg überstanden haben. Besonders eindrücklich waren für mich die Berichte darüber, wie ihnen in all den Gefahren ihr Glauben geholfen hat. Die Bibel- oder Liedverse, die ihnen als Kinder in die Herzen und Sinne geschrieben wurden. “Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt…” oder aus dem Psalm 23: “Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich…”

Ich denke auch an demenzkranke Menschen in den Altenpflegheimen.

Sie haben große Konzentrationsschwierigkeiten, dennoch besuchen sie gerne die Gottesdienste. Obwohl ihre Erinnerungen stark eingetrübt sind, können sie ganze Lieder oder das  Vaterunser so auswendig als hätten sie es frisch gelernt. Sie freuen sich darüber. Ihr Glauben wurde ihnen früher unauslöschlich ins Herz eingeschrieben und ist im Heim eine Lebenshilfe für sie geworden. 

Freilich bleiben viele Herzen verschlossen. Dicht. Da hängen die immer und immer wieder im Kopf hin und her zergrübelten Zweifel an der Existenz Gottes oder die Resignation oder eine Bitterkeit oder einfach eine wurstige Zufriedenheit mit der Oberflächlichkeit des Lebens wie schwere Vorhangschlösser vor den Herzenstüren. Es liegt an uns, offen zu bleiben, immer wieder, für die Wunder des Lebens und für das Geschenk eines Bundes mit Gott, der hält und trägt heute und morgen und über dieses Leben hinaus.

“Siehe, es kommt die Zeit….” lässt Gott den Propheten Jeremia rufen. Johannes der Täufer knüpft an diese Verheißung an und kündigt seinen Zeitgenossen Jesus von Nazareth mit dem Ruf an: “Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist (mit Jesus)  herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.” (MK. 1,15).

Jesus Christus ist der Vermittler und Garant des neuen Bundes Gottes mit uns. Wir feiern ihn im Sakrament der Taufe, das Jesus eingesetzt hat. In der Taufe wird das Kind in die unzerstörbare Gemeinschaft mit Gott hineingenommen. Und wir ehren diesen Bund im Heiligen Abendmahl, das die Gemeinde der Friedenskirche hoffentlich bald wieder miteinander feiern kann. Das Abendmahl ist das große Versöhnungsfest Christi mit uns. Alles, was uns von Gott trennt wird  überwunden. Bei Jeremia wird es uns schon zugesagt: “Gott spricht: ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.” (Jer. 31, 34). Diese Vergebung spricht uns Christus, der für uns den Weg ans Kreuz gegangen ist, zu. Ihm sei Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt; J. Gortner