Andacht für den 2. Sonntag nach Ostern – Misericordias domini = Die Güte des Herrn, Sonntag vom guten Hirten, 26. April 2020

Wochenspruch:
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
(Johannes 10, 11a. 27-28a)

Wochenlieder:
EG 274 Der Herr ist mein getreuer Hirt
EG 358 Es kennt der Herr die Seinen

 

Psalm des Sonntags (Psalm 23)

1 Der HERR ist mein Hirte,

     mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue

     und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele.

     Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

     fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

     dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch

     im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

     und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

     und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Dieses Vertrauenslied ist gewiss einer der bekanntesten Psalmen überhaupt. Viele von uns haben ihn einmal auswendig gelernt. Einzelne Verse daraus werden immer wieder gerne gewählt als Tauf-, Konfirmations- oder Trauspruch. Und zahlreiche Melodien sind dazu geschrieben worden. Das alles ist gewiss kein Zufall. Denn die Bilder dieses Psalms sprechen uns unmittelbar an. 

In ganz sinnlichen Bildern spiegelt der Psalm die Fülle des Lebens, die Gott uns schenkt. Man sieht sie richtig vor sich, die grünen saftigen Wiesen und den reich gedeckten Tisch, man hört das Rauschen und Plätschern des Wassers, riecht den Duft von Salböl und spürt die sanfte Berührung damit auf der Haut.

Reich sind wir beschenkt mit dem, was wir Tag für Tag zum Leben brauchen: Essen und Trinken, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, andere Menschen, mit denen wir reden und singen, lachen und weinen können – wenn auch derzeit nur auf Distanz. Vieles bereichert unser Leben, dass vielleicht nicht unbedingt überlebenswichtig ist, nicht auf den ersten Blick „systemrelevant“,  was aber einfach schön ist, der Seele gut tut und das Leben erst lebenswert macht, Musik, Blumen, Kunst in jeder Form, Sport …

Andererseits blendet dieser Psalm aber auch die dunklen Seiten und Zeiten unseres Lebens nicht aus. Vom finsteren Tal ist die Rede, in manchen Übersetzungen vom Tal der Todesschatten und von Feinden, die den Beter verfolgen. Aber in all dem fühlt sich der Psalmdichter doch nicht verlassen, sondern geborgen und geschützt bei Gott. Und das ist ja eine Erfahrung, die Menschen – Gott sei Dank- immer wieder machen dürfen, dass ihnen, wenn sie etwas Schweres durchmachen müssen, eine Kraft und ein Vertrauen zuwächst, die sie an sich selbst vielleicht noch gar nicht gekannt haben, oder dass ihnen unsichtbar oder vielleicht auch ganz sichtbar und greifbar, in menschlicher Gestalt jemand zur Seite steht.

Oft ist der 23. Psalm wohl auch selbst für Menschen in der Bedrängnis zu so einem Halt und Trost geworden, zu einer letzten Brücke vielleicht hin zu Gott, mitten im Ringen und in der Auseinandersetzung mit ihm. An und in vielen Kranken – und Sterbebetten ist dieser Psalm wohl gebetet worden, und es wird berichtet, dass selbst in den höllischen Vernichtungslagern des letzten Jahrhunderts Menschen mit diesen Worten auf den Lippen gestorben sind.

Trotz all dem kann sich in uns auch Widerstand regen gegen dieses vertrauensselige Lied.  „Ich bin doch kein Schaf“, sagt vielleicht jemand. „Kein dummes Schaf, das einfach mit der Herde mittrottet und sich füttern lässt.“ Ein erwachsener Mensch muss doch selbst Verantwortung übernehmen für sein Leben, muss selber denken, selber entscheiden, selber handeln. Und lammfromm einfach alles über mich ergehen lassen, das will ich doch auch nicht.

Da finde ich es sehr spannend, dass die biblischen Texte, die vom guten Hirten, von den Hirten und von den Schafen sprechen durchaus schillern. Petrus wird vom Auferstandenen  zum Hirten eingesetzt: Weide meine Lämmer. Beim Propheten Hesekiel prangert Gott die fehlende Sorge der Hirten an, die sich nicht um die Herde kümmern und verspricht ihrer sich selbst anzunehmen. Und Jesus, der gute Hirte, ist selber Lamm, das Lamm das zur Schlachtbank geführt wird, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Und wird gerade so zum Hirten unserer Seelen.

Wir sind auch Hirtinnen und Hirten füreinander, sollen Hirten und Hirtinnen füreinander sein. Der Trost im finsteren Tal – das ist ja vorhin schon angeklungen, der kommt auch ganz oft von Menschen, die sich eben Zeit für andere nehmen, und vielleicht viel Kraft und Phantasie aufwenden, um so manchem Mangel abzuhelfen, der Menschen auf dieser Erde eben doch immer wieder quält.

Aber der Psalm hilft uns da, ein weniger tiefer zu blicken und zu fragen: „Woher haben wir die Kraft, etwas zu schaffen, oder unsere Phantasie, mit der wir neue Lösungen für schwierige Probleme entwickeln können? Woher haben wir Ohren, die zuhören, oder starke und zärtliche Hände, die zupacken und trösten können?“

Dietrich Bonhoeffer hat einmal geschrieben: „Man überschätzt leicht das eigene Wirken und Tun in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man durch andere geworden ist.“ Und an anderer Stelle: „Im normalen Leben wird es einem gar nicht bewusst, dass der Mensch unendlich mehr empfängt als er gibt, und dass Dankbarkeit das Leben erst reich macht.“

In der betenden Betrachtung des 23. Psalms kann solches Bewusstsein in uns wachsen, und damit auch unser Vertrauen ins Leben, unser Vertrauen in Gott. Ohne solches Vertrauen – das kann man heute in jedem Lehrbuch der Psychologie nachlesen – könnten wir unsere Aufgaben im Leben gar nicht verantwortlich wahrnehmen. Solches Vertrauen erst macht uns fähig uns zu öffnen, auf andere zuzugehen und unser Leben mit ihnen zu teilen. Und dieses Vertrauen ist es auch, das uns in schweren Zeiten noch durchträgt und uns die Kraft schenkt, im Dunkeln nach der Hand dessen zu tasten, der uns führen und trösten will. 

Pfarrerin Barbara Renger

 

Gebet (VELKD leicht verändert)

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Sind wir wie irrende Schafe?
Wir sehnen uns danach, den Weg zu kennen.
Du weißt ihn. Zeig uns den Weg.
Zeig ihn denen, die uns regieren,
die über uns bestimmen, die unser Wohl wollen.

Bringe uns auf den richtigen Weg.
Erbarme dich.

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Wir sind gefangen in unserer Sorge.
Du siehst die Ängste der Welt.
Schau auf die Menschen, die keinen Ausweg sehen –
auf der Flucht, in Lagern, im Krieg.
Schau auf die Menschen, die kein Zuhause haben,
wo sie Schutz finden.
Und schau auf die, für die der Schutzraum zur Gefahr wird.

Steh ihnen bei und trage sie auf deinen Schultern.
Erbarme dich.

Du guter Hirte, Jesus Christus.
Siehst du den Glauben?
Siehst du die Hoffnung?
Unsere muslimischen Nachbarn im Ramadan. Unsere Geschwister in der Ferne. Unsere Gemeinde, deine Kirche.
Dir vertrauen wir, denn du bist bei uns,
bei dir wird uns nichts mangeln.

Bereite uns den Tisch und bleib bei uns.
Erbarme dich, heute und alle Tage.
Amen.