Andacht für Sonntag, Quasimodogeniti, 19.04.2020

Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1. Petrus 1, 3)

Evangelium: Johannes 20, 19-29

Wochenlieder: 
EG 108 Mit Freuden zart oder
EG 117 Der schöne Ostertag

Predigtwort – Jesaja 40,26-31

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 „An die müde Gewordenen“ – so könnte die Überschrift für das heutige Predigtwort heißen. „An die Überforderten“ oder auch „An die, denen alles zu viel wird“. Es gibt so Zeiten im Leben. Jetzt – in Zeiten von „Corona“ – und auch sonst:
Im Fernsehen war das Bild einer italienischen Krankenschwester zu sehen: wie sie völlig erschöpft über einem Berg Krankenakten eingeschlafen war. Es war zu viel. Die Aufgaben übersteigen ihre Kräfte.

Da ist eine Frau, die ihren Mann jahrelang gepflegt hat. Zuletzt hatte er nur noch gelegen. Nun ist er tot, schon seit einer Weile. Eine Erlösung sei es gewesen, sagen die Kinder, und meinen damit: nicht nur für den verstorbenen Vater, sondern auch für die durch die Pflege belastete Mutter. Aber seltsam: Nun, von der Last der Pflege befreit, gelingt es der Mutter doch nicht recht, zurück ins Leben zu finden. Die Trauer, aber vor allem die Erschöpfung hält sie gefangen.

Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

Da ist ein junger Mann, Single, Mitte dreißig. Sein Beruf fordert ihn total. Er weiß: „Ich kann mich glücklich schätzen, diese tolle Stelle gefunden zu haben. Die Geschäfte laufen gut.“ Aber ständig diese Überstunden bis spät in den Abend hinein! Sogar am Samstag fährt er ins Büro. Nach einem freien Wochenende lechzt er wie ein Ertrinkender nach dem Rettungsboot. Wenn er mal frei hat, schläft er bis Mittag und verbringt den Rest des Tages vor dem Fernseher. Für Sport, Hobbies, Freunde hat er einfach keine Energie mehr.

Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

  „Ist Gott unserer müde geworden?“ fragen die Israeliten, die aus ihrer Heimat ins babylonische Exil verschleppt wurden. Fast 50 Jahre leben sie nun schon hier. Viele haben sich abgefunden mit der Situation, wie sie nun einmal ist. Viele haben resigniert. „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber“, so sagen sie. Gott kümmert sich nicht mehr um uns. Manche liebäugeln mit den Göttern der Babylonier, haben sie sich nicht als stärker erwiesen?

Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht!

 Nicht hinaus schauen können über die Trauer, über die Sorgen, die Isolation, über den Alltag, der mich fest im Griff hat und gefangen hält. Nicht hinausschauen können über meine engen Grenzen. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der das nicht schon in irgendeiner Form erlebt hätte. Was hilft dann?

Der von Gott gesandte Prophet redet geduldig, liebevoll, geradezu zärtlich mit dem müden Volk. „Weißt du denn nicht? Hast du nicht gehört? Hebet eure Augen in die Höhe und seht: Den Sternenhimmel. Wer hat das alles geschaffen? Dein Gott führt das Heer der Sterne vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen. Seine Macht und seine Kraft sind so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.“

Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen weit hin über alle Welt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Wie eine Mutter, die tröstend und beruhigend ihr Kind in den Schlaf singt, so redet der Prophet mit dem müden und ermatteten Volk. Er spannt den ganzen Sternenhimmel auf über den Israeliten und lenkt damit ihren Blick aus ihrem zermürbenden und ermüdenden Alltag hin auf Gott, den Herrscher über den ganzen Kosmos, der sich doch wunderbarer Weise eines jeden Menschenlebens annimmt: Kennt auch dich und hat dich lieb.

„Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt.“ Er ist auch deiner nicht müde geworden, auch wenn es dir manchmal so scheinen mag. Bei ihm bist du gut aufgehoben. Ihm bist und bleibst du wichtig.

Das hören zu dürfen, tut gut, wenn ich müde bin und nicht mehr hinaussehen kann. Solcher Zuspruch, der hilft den Blick zu heben, mehr als alle gut gemeinten Appelle. Ja, der führt meinen Blick geradezu automatisch weg von mir, von meiner Enge und Kraftlosigkeit hin zu dem, von dem wirklich neue Kraft kommen kann: „Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Ein kraftvolles, stärkendes Bild stellt Gott seinem Volk durch den Propheten nun in einem zweiten Schritt vor Augen. Ein Bild, das die lange schon vergrabenen Hoffnungen und Sehnsüchte wieder zum klingen bringt. Ein Bild, das die Seele zu berühren und zu beflügeln vermag: dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. 

Wir haben Ostern gefeiert. Wir haben von der Auferstehung Jesu gehört, vom Sieg des Lebens über den Tod. Und doch wird es immer wieder Zeiten geben in unserem Leben, in denen wir nicht hinaus schauen können über uns, über unsere Kraftlosigkeit und unsere Zweifel.  Was hilft dann?

„Seht, den Sternenhimmel! Seht die Sonne nach langer Nacht! Seht, das frische Grün und die Blüten an einem Frühlingstag. Wer hat das alles geschaffen?“

 „Kennt auch dich und hat dich lieb!“

„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Der Anblick der wunderbaren Schöpfung, tröstende Worte, stärkende Bilder und Rituale, dringen durch Trauer und Fragen hindurch, berühren die Seele, schenken eine neue Perspektive, öffnen den Blick für Gottes belebende Kraft. Das haben Menschen immer wieder erfahren.

Freilich funktioniert das nicht einfach so auf Knopfdruck.

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, lesen wir bei Jesaja. Harren – das ist ein altes Wort. Dieses Harren lässt sich gut übersetzen mit „vertrauen und warten können“.

Jesaja macht Mut zum langen Atem, zur Geduld, die uns ja auch in diesen Tagen empfohlen wird.

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. Das wird uns versprochen: Harre aus, hab Gottvertrauen, warte ab, sei geduldig mit dir und mit deinen Mitmenschen. Es wird die Zeit kommen, dass du spürst: Jetzt hat Gott mich aufgerichtet!

Im Evangelium des Johannes wird diese Erfahrung beschrieben: Aufgerichtet werden, Auferstehung – das ist, wenn Jesus in unser Leben voller Furcht, in unsere Isolation, in unsere abgeschlossenen Wohnungen tritt:

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

Vielleicht anders als erwartet tritt Gott in unser Leben. Und doch so, dass wir neu gestärkt werden. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.

Pfarrerin Barbara Renger

 

Gebet für den 1. Sonntag nach Ostern (Quelle VELKD)

Christus, du Auferstandener,
unsichtbar in unserer Mitte. Zu dir beten wir.

Du bist das Leben.
Du hast dem Tod die Macht genommen.
Doch wir erleben,
wie der Tod immer noch nach uns greift.
Wir bitten um
dein Leben für die, die gegen den Tod ankämpfen,
dein Leben für die, die dem Tod ausgeliefert werden,
dein Leben für die, deren Kräfte versiegen.
Nimm uns die Angst. Schenk uns Glauben.

Christus, du Auferstandener.
Du bist das Leben.
Du schenkst den Frieden, der die Welt überwindet.
Doch wir erleben, wie weiter Unfriede herrscht.
Wir bitten um
deinen Frieden für die Menschen in Syrien,
deinen Frieden für alle, die eingesperrt und bedrängt werden,
deinen Frieden in unseren Häusern und Familien,
in unserer Nachbarschaft, in unserem Land.
Nimm uns die Angst. Schenk uns Frieden.

Christus, du Auferstandener.
Du bist das Leben.
Du gibst den Müden Kraft.
Du lässt uns aufatmen.
Wir danken dir für den Atem,
für die Menschen an unserer Seite,
für den Glauben und dein Wort.
Dir vertrauen wir diese Welt an. Dir vertrauen wir uns an.
Du bist das Leben. Halleluja. Amen.