Andacht für Karfreitag, 10.04.2020

Tagesspruch für Karfreitag: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3, 16)

Lied des Tages:
EG 85 O Haupt voll Blut und Wunden
1. O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

2. Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht’?

3. Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht
ist hin und ganz vergangen; des blassen Todes Macht
hat alles hingenommen, hat alles hingerafft,
und daher bist du kommen von deines Leibes Kraft.

4. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

Wie, wenn wir jetzt auf dem Berg Golgatha stünden, nicht weit vom Kreuz Jesu, so dass wir ihn direkt anschauen könnten, anschauen müssten? Wie wäre uns dabei zumute? Was würden wir empfinden?

Das bekannte Lied von Paul Gerhardt versetzt uns genau an diesen Ort: gegenüber vom gekreuzigten Jesus. Es bewegt uns dazu, ihm ins Angesicht zu schauen.

Ich muss zugeben, ich hatte lange Zeit meine Schwierigkeiten mit diesem Lied. Und wahrscheinlich deswegen, weil es eben unangenehm, ja peinlich ist, einem Menschen, der große Schmerzen leidet, einem Gequälten, einem Gefolterten ins Angesicht zu sehen und den Blick nicht abzuwenden.

Zwar ist in unserem Medienzeitalter der Anblick geschundener Menschen geradezu erschreckend „normal“ geworden. Doch da haben wir zumeist im Laufe der Zeit unsere Abwehrstrategien und Schutzmechanismen entwickelt. Es wäre ja sonst gar nicht auszuhalten!

Die Verse aber von Paul Gerhardt bewegen uns dazu, genau das auszuhalten, den Blick nicht abzuwenden von dem gequälten und entstellten Angesicht des Gekreuzigten. 

Und was sehen, was erkennen wir dann dort?

Wir sehen dort zunächst einmal, wozu wir Menschen fähig sind. Welches Leid Menschen einander zufügen können. Durch körperliche Gewalt, aber genauso auch durch Entwürdigung, durch Hohn und Spott.

Aus purer Lust am Foltern und Quälen wird das in den seltensten Fällen geschehen. Vielmehr meinen die einen, man müsse ein Exempel statuieren, als Abschreckung für gefährliche Terroristen. Andere folgen blind den Befehlen. Es wird schon richtig sein. Aufgestaute Wut und Enttäuschung entladen sich und treffen unschuldige Opfer. Mancher beugt sich dem Gruppendruck: Es ist ja soviel leichter einzustimmen in den Spottgesang und in die Hohnrufe, als dagegen zu reden.

Und manches Leid wird vor allem deswegen groß und schrecklich, weil alle wegsehen und keiner hilft.

Der Anblick des leidenden Christus zwingt uns, unserem menschlichen Tun ins Auge zu sehen. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Ohne Hinsehen, ohne Anerkennen der Schuld und ohne Erkennen der Zusammenhänge ist kein Neuanfang, ist keine Versöhnung möglich.

Es geht ein tiefer Riss durch die Welt. Und genau darauf weist uns das Kreuz Jesu Christi hin.

Manche modernen Theologen sagen es so: Im Kreuz Jesu wird sichtbar, wie sehr Gott darunter leidet, was seine geliebten Geschöpfe einander antun.  Aber das Kreuz Jesu zeigt auch, dass Gott keinen im Leid allein lässt, dass er ganz auf der Seite der Leidenden steht. Das Leiden und Sterben Jesu zeigen, dass Gott in der Not und im Schmerz dieser Welt gegenwärtig ist und gerade so neues Leben stiften will. Ja, Gottes Gegenwart verdichtet sich dort, wo die Not am größten ist. Genau dort ist Gott gegenwärtig – und nimmt die Abgründe der Welt in sich auf.

5. Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an.
Von dir, Quell aller Güter, ist mir viel Guts getan;
dein Mund hat mich gelabet mit Milch und süßer Kost,
dein Geist hat mich begabet mit mancher Himmelslust.

6. Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.

7. Es dient zu meinen Freuden und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden, mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben, an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben, wie wohl geschähe mir!

8. Ich danke dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund,
für deines Todes Schmerzen, da du’s so gut gemeint.
Ach gib, dass ich mich halte zu dir und deiner Treu
und, wenn ich nun erkalte, in dir mein Ende sei.

Die Strophen 5-8 haben einen hellen und warmen Klang, den Klang eines Liebesliedes. Aber genau besehen ist das ganze Lied schon von Anfang an auf diesen Ton gestimmt. „Mein G’müt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart; bin ganz und gar verwirret, mein Herz, das kränkt sich hart…“ Zu diesen Worten, zu einem Liebeslied hat Hans Leo Hassler ursprünglich die Melodie komponiert. Nach derselben Melodie singt Paul Gerhardt, singen wir für Jesus, den liebsten Freund.

In ihm, in seinem Leben und in letzter Konsequenz in seinem Sterben wurde Gottes große Liebe zu uns Menschen sichtbar.

Und ihr Anblick vermag offenbar auch in uns Liebe und Barmherzigkeit zu wecken. Diese gilt in Paul Gerhards Lied zunächst dem leidenden Jesus. Aber sie wird nicht bei ihm stehen bleiben. Jesu hingebungsvolle Liebe bewegt uns zur Nachfolge, sie bewegt uns dazu auch einander liebevoll und barmherzig zu begegnen, uns den leidenden Nächsten zuzuwenden.  Auch darin wird deutlich: Gerade dort, wo das Leben besonders dunkel erscheint, ist Gottes Keimkraft neuen Lebens verborgen. Das Schwere ist voller verborgener Gotteskraft.

Vielleicht können wir das auch gerade in der derzeitigen Krise, die unser Land und die ganze Welt ergriffen hat, entdecken. Vielleicht wächst in der Distanz der Zusammenhalt untereinander, vielleicht erkennen wir, dass manches, was uns unverzichtbar schien, aber die Umwelt, die Schöpfung belastet hat, doch nicht so entscheidend ist für ein gutes Leben. Vielleicht entdecken wir manches neu, was uns allen gut tut.  Wer weiß… Am Karfreitag können wir noch nicht sehen, was sich an Ostern seinen Weg bahnen wird.

Gottes lebensspendende Kraft ist auch und genau da verborgen gegenwärtig, wo die Not am größten ist. Diese Botschaft des Karfreitag ist es, die auch Halt und Trost geben kann im Blick auf das eigene Sterben, die eigene Vergänglichkeit, die in den letzten Strophen des Liedes in den Blick kommen. Nicht nur unser Leben, sondern auch unser Sterben und unser Tod sind durchdrungen von Gott.

9. Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

10. Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Gottes Gegenwart verdichtet sich dort, wo die Not am größten ist. Gerade dort, wo das Leben besonders dunkel erscheint, ist Gottes Keimkraft, ist neues Leben verborgen. Das ist und bleibt eine Herausforderung für unseren Glauben. Es ist und bleibt eine Zu-Mut-ung, zu der uns manchmal der Mut fehlt.

Doch ob wir Gottes lebensschaffende Worte gerade hören oder nicht. Ob wir seine Gegenwart gerade glauben können oder nicht. Die Botschaft von Karfreitag ist: Gottes heilvolle Himmelskraft wirkt schon. Sie wirkt verborgen in unserer Not und in unserem Leiden. Und im Leiden um uns herum.

Und sie wird sich entfalten.
So gewiss, wie Jesus auferstanden ist.

Pfarrerin Barbara Renger

 

Hinweis: An Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag ist die Friedenskirche jeweils von 10 Uhr -18 Uhr zum persönlichen Gebet geöffnet. Solange der Vorrat reicht dürfen Sie sich gerne auch eine kleine Kerze mit nach Hause nehmen, um dort ein Osterlicht anzuzünden. Es dürfen nicht mehr als 5 Personen gleichzeitig in der Kirche sein. Bitte achten Sie auf den nötigen Abstand!

Am Ostersonntag ab 10 Uhr finden Sie auf unserer Homepage www.friedenskirche-rottendof.de ein Video mit einer kleinen Andacht zum Entzünden unserer neuen Osterkerze.