Andacht für Palmsonntag, 05.04.2020

Wochenspruch: Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Johannes 3, 14b. 15)

Wochenlieder:
EG 14 Dein König kommt in niedern Hüllen
EG 91 Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken

Evangelium: Johannes 12, 12 -19 Einzug Jesu in Jerusalem

Predigtwort: Markus 14, 3-9

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 Nach einem runden Geburtstag ist die Wohnung angefüllt mit Blumen. Herrliche Sträuße in allen Größen und Farben. Einen Moment lang denke ich: eigentlich schade drum, in ein paar Tagen werden die alle auf dem Kompost landen. Aber dann beschließe ich, mich einfach daran zu freuen: So viele Menschen haben an mich gedacht, haben sich liebevoll überlegt, welche Blumen zu mir passen oder mir gefallen. Und dann ist es ja einfach eine wahre Pracht, ein Fest für die Augen und für die Nase. Was für eine Verschwendung! Wie wunderschön!

Was für eine Verschwendung: Wenige Tage vor dem Passahfest, wenige Tage vor seinem Tod am Kreuz ist Jesus im Hause Simons des Aussätzigen in Betanien zu Gast. Vielleicht hat Jesus ihn einst von dieser Krankheit geheilt? Das ist aber nur eine Vermutung.

Während man nun zu Tisch liegt, geschieht etwas Ungewöhnliches. Eine Frau betritt den Raum. Schweigend geht sie auf Jesus zu, zieht eine Alabasterflasche voll teurem, wertvollem Salböl hervor, zerbricht die Flasche und ergießt den Inhalt auf sein Haupt. Der Duft erfüllt den ganzen Raum. Was für eine Verschwendung!

Sogleich erhebt sich Unwillen und Protest. Man hätte die Salbe verkaufen und den Erlös den Armen geben können. Man stelle sich vor, 300 Silbergroschen hätte man dafür bekommen. Für einen Tagelöhner ein Jahresgehalt!

Die hier gegen diese unerhörte Verschwendung ihren Protest erheben, wähnen gewiss Jesus auf ihrer Seite. Denn hat er ihnen nicht immer vorgelebt, was es bedeutet, das Gesicht Gottes in den Geringsten unter den Menschen wieder zu erkennen? Hungrige speisen, Kranke pflegen, Sterbende begleiten, …  „Was ihr getan habt, einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Das hat Jesus doch gelehrt. Und er bestätigt sie auch darin: „Ihr habt allezeit Arme bei euch und sooft ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.“ Das ist und bleibt wahr und wichtig, damals im Hause des Simon und auch für uns.

Aber Jesus lässt sich auch die Wohltat dieser Frau, diese verschwenderische Geste ihrer Liebe und Zärtlichkeit gefallen. Er kann sie annehmen, und ich kann mir vorstellen, sie hat ihm gut getan, gerade in dieser Situation, gerade im Blick auf den schweren Weg, den er bald wird gehen müssen.

„Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im Voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt. Und wo immer in der ganzen Welt das Evangelium gepredigt wird, da wird auch das, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis erzählt werden.“

In diesen Tagen der Coronapandemie  hören wir immer wieder davon, was systemrelevant ist: Das Gesundheitssystem muss funktionieren, die Polizei, die Feuerwehr, die Müllabfuhr muss gewährleistet sein, die Versorgung mit Lebensmitteln…, vielleicht auch die mit Toilettenpapier.

Wir merken aber auch gerade in dieser Zeit, in der unser Leben so eingeschränkt sein muss, dass zu einem vollen erfüllten Leben noch viel mehr gehört, als die bloße Sicherung der Existenz: Zärtlichkeit, Berührung, Begegnung, sinnliches Erleben, Farben, Düfte, Klänge, Musik. Manches davon ist zurzeit nicht so ohne weiteres möglich, anderes aber schon. Musik hören, sich bei einem Spaziergang an den Farben und Düften des Frühlings erfreuen, ganz bewusst ein leckeres Essen genießen. Ich spüre, wie gut mir das gerade zurzeit tut. 

Da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Spiegelt sich in der unvernünftig verschwenderischen Geste der Liebe und Zärtlichkeit dieser unbekannten Frau nicht auch etwas von der unvernünftigen und verschwenderischen Liebe Gottes zu seiner Welt und zu den Menschen? Etwas von Gottes verschwenderischer Liebe, die uns begegnet im Reichtum seiner Schöpfung, die doch so viel mehr umfasst, als das unmittelbar Nützliche und Notwendige.

Etwas von Gottes unvernünftiger Liebe zu den Menschen, die uns begegnet gerade im Leben und Sterben Jesu für uns? Liebe, die nicht rechnet und fragt, was es bringt, sondern das Kostbarste gibt, verschwenderisch, ganz und gar und ein für allemal.  

 Da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Ich stelle mir vor, wie der Duft des Nardenöls den ganzen Raum erfüllt: den Raum, in dem Simon sitzt, der weiß, was Krankheit bedeutet; den Raum, in dem die Jünger sitzen und es nach Angst riecht vor dem, was nun auf Jesus, auf sie zukommt;  Ich stelle mir vor, wie der Duft sich im ganzen Haus verströmt und alle schlechten Gerüche von Krankheit und Angst wegnimmt; Ich stelle mir vor, wie die  Jünger eingehüllt werden von diesem Duft und sie miteinander den Psalm anstimmen: Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

Bevor die Passion erbarmungslos ihren Lauf nimmt, blitzt er auf, ein winziger Moment, ein Moment voller Anmut und Schönheit. Vor die Passion hat Gott die Schönheit gesetzt. Die Verschwendung. Und die Liebe.

Pfarrerin Barbara Renger

 

Gebet für Palmsonntag (VELKD leicht verändert)

Jesus Christus, heute am Palmsonntag wollten wir dir entgegengehen, wir wollten mit dir laufen und hineinziehen in deine Stadt.

Aber wir können nur mit unseren Herzen zu dir kommen.
Nur unsere Sehnsucht ist auf dem Weg zu dir.
Nur unsere Gebete. Sie sind alles, was wir haben.
So beten wir
für die Kranken
für die, denen keine Medizin mehr helfen kann,
für die, die einsam sterben,
für die, die unter der Last dieser Tage zusammenbrechen.
Komm zu ihnen mit deiner Liebe und heile sie.

So beten wir für die Menschen,
die in Krankenhäuser und Pflegeheimen arbeiten,
in Feuerwachen und Apotheken,
in Kitas und Supermärkten,
in Laboren und in Ställen,
in Ämtern und Gemeinden.
Komm zu ihnen mit deiner Freundlichkeit und behüte sie.

So beten wir für die Menschen,

die in der Sorge dieser Tage in Vergessenheit geraten,
die Flüchtlinge,
die Opfer von häuslicher Gewalt,
die Verwirrten und Missbrauchten,
die Hungernden,
die Einsamen.
Komm zu ihnen und rette sie.

Wir halten dir unsere Herzen hin
und danken dir für den Glauben.
Wir danken dir,
weil wir zu dir und zueinander gehören.
Wir danken dir
für die Zeichen der Liebe und Verbundenheit,
für die freundlichen Worte, für die Musik.
Wir danken dir für dein Wort und deine weltweite Kirche.
Wir wollten dir entgegengehen und hineinziehen in deine Stadt.
Und wir erleben es:
Du gehst mit uns durch diese Zeit
Heute, in diesen Tagen der Passion,
und jeden neuen Tag. Amen.