Andacht für Sonntag Judika, 29.03.2020

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele. (Matthäus 20, 28)

Wochenlieder für den Sonntag Lätare:
EG 76 O Mensch, bewein dein Sünde groß
EG 97 Holz auf Jesu Schulter

Predigttext Hebräer 13, 12-14

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Liebe Gemeinde,

Draußen vor dem Tor hat Jesus gelitten, ist Jesus am Kreuz gestorben. Hinrichtungsplätze lagen und liegen in der Regel nicht mitten in der Stadt, sondern draußen vor den Toren. Auch wenn es immer wieder Schaulustige zu solchen Orten zieht, so ganz nah und mittendrin will man das Elend, das Leiden und den Tod dann doch nicht haben. Da immer damit konfrontiert sein, das wollen wir dann doch nicht.

Draußen vor dem Tor hat Jesus gelitten, ist Jesus am Kreuz gestorben.

Das ist auch folgerichtig, wenn man auf sein Leben, sein Wirken unter den Menschen schaut. Er war immer auf der Seite derer, die draußen standen, „außen vor“ waren. Er hat den Kontakt zu den Aussätzigen nicht gescheut. Ohne Angst vor Ansteckung hat er sie berührt, um sie zu heilen. Und er hat die Gemeinschaft gepflegt mit denen, die wie Aussätzige behandelt wurden. Mit Zöllnern, die mit den römischen Besatzern des Landes zusammenarbeiteten,  und mit Prostituierten saß er an einem Tisch.

So dürfen wir ihn auch heute an der Seite derer wissen, die außen vor sind, an der Seite derer, die draußen stehen. An der Seite von Flüchtlingen in Lagern und vor geschlossenen Grenzen. An der Seite von Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder zu verlieren drohen. Die fürchten künftig nicht mehr dazuzugehören, nicht mehr mithalten zu können in unserer Gesellschaft. An der Seite von Kindern und Jugendlichen, die in der Klasse oder in den sozialen Medien nicht mithalten können oder aus irgendwelchen Gründen gemobbt und gemieden werden.

Auch an unserer Seite dürfen wir ihn wissen, wenn wir nun zwar gerade nicht draußen sind, sondern drinnen, hinter verschlossenen Türen, aber eben damit auch abgeschnitten vom sozialen Leben.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen, so heißt es weiter im Hebräerbrief. Wie soll man das verstehen?

Diese Aufforderung an die christliche Gemeinde ist ganz gewiss kein Aufruf bewusst das Leiden zu suchen. Das Christentum ist keine masochistische Religion, auch wenn ihm das gelegentlich vorgeworfen wurde. Aber es ist die Aufforderung die Augen vor dem Leid nicht zu verschließen. Es ist die Aufforderung sich ganz konsequent auf die Seite derer zu stellen, die „außen vor“ sind, die draußen stehen. Dazu muss man unter Umständen auch immer wieder die eigene Sicherheit oder auch nur Bequemlichkeit verlassen. Ich denke dabei in diesen Tagen vor allem an die Menschen, die uns in diesen Zeiten als „Helden des Alltags“ begegnen. Personal in den Kliniken vom Arzt bis zur Reinigungskraft, Kassiererinnen im Lebensmittelhandel, Lastwagenfahrer, Menschen, die für andere Besorgungen übernehmen… und viele andere mehr, die sich einsetzen für ihre Mitmenschen. Sie stellen sich damit auch auf die Seite dessen, der gelitten hat, draußen vor dem Tor, an die Seite Jesu.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir, so heißt es am Ende des Predigtabschnittes.

Wir spüren es in diesen Tagen besonders, wie schnell unser Alltag völlig auf den Kopf gestellt werden kann. Wie all unsere Planungen und scheinbaren Sicherheiten wegbrechen. Menschen fürchten um ihre Gesundheit und manche um ihre wirtschaftliche Existenz. Menschen sind unsicher, weil keiner abschätzen kann, wie lange der Ausnahmezustand noch andauern wird. Wir haben unser Leben nicht in der Hand. Wir haben hier keine letzte Heimat, keine letzte Sicherheit.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, ja das merken wir. Aber es gilt uns auch die Verheißung der zukünftigen Stadt, so wie etwa in der Offenbarung des Johannes das neue Jerusalem beschrieben wird: Eine Stadt voller Licht, mit offenen Toren, keiner „außen vor“, keiner eingesperrt und Gott ganz nah, mittendrin.

Und wir können diese zukünftige Stadt jetzt schon suchen, können auf sie zugehen, einen Vorgeschmack auf das Leben in dieser Stadt bekommen, indem wir füreinander da sind, indem wir für die da sind, die unsere Hilfe brauchen, gerade jetzt in diesen Zeiten.

Pfarrerin Barbara Renger

 

Gebet (Quelle VELKD, teilweise verändert und ergänzt)

 Ratlos sind wir, Gott,
und bringen unsere Ratlosigkeit vor dich.
In Sorge um unsere Angehörigen sind wir
und wir bringen unsere Sorge vor dich.
Bedrückt sind wir
und wir bringen das Leid so vieler Menschen auf dieser Welt vor dich:

Wir denken an die Betroffenen in Italien, in Spanien,  in aller Welt.

Wir denken an die, die zwischen den Grenzzäunen gefangen sind,
an die Menschen in Kroatien, die zwischen Trümmern ausharren.
Wir denken an die Obdachlosen in unseren Städten.
 
Dankbar sind wir für alle Menschen, die uns Mut machen,
und wir bringen unseren Dank für sie vor dich.

Wir denken an alle, die in den Krankenhäuern für die Kranken da sind.
Wir denken an alle, die uns mit Lebensmitteln und allem, was wir brauchen,  versorgen.
Wir denken an die Wissenschaftlerinnen und Forscher in den Laboren.

Wir denken an alle, die ihre Nachbarn tatkräftig unterstützen oder einfach ein gutes, ermutigendes Wort haben für andere.

Mittenhinein in unsere Angst schenkst du uns das Leben.
Du schenkst uns Musik, Gemeinschaft und
die Fürsorge unserer Freunde und Nachbarn.
Du schenkst uns Inspiration, Freundlichkeit und Mut.
Du schenkst uns den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.
Dir vertrauen wir uns an – heute und morgen und an jedem neuen Tag.
Amen.